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Erstens

Warum sind wir mutig? Weil wir schlicht unvernünftig sind oder weil wir einen dieser Momente erleben durften, in denen wir ausreichend Eventualitäten vergessen konnten, auf die eine vollbrachte Tat immer stoßen muss, wenn sie wirklich etwas gegen den Zeitgeist, den Gesinnungsterror und die angedrohte Gewalt unternimmt. Man könnte dieses Tun eventuell als notwendige Bedingung unserer Zukunft verstehen! Sie hat – erinnere ich richtig – einen Stichwortgeber bei Friedrich Nietzsche.

Zweitens

Vor einigen Monaten saß man in einem Zug, der durch den Norden Ostdeutschlands rollte. Dort konnte beobachtet werden wie zwei Gruppen aufeinanderstießen. Eine größere von mindestens einem Dutzend junger deutscher Männer, die an diesem Wochenende bedingt angetrunken waren und eigentlich gar nicht schlecht gelaunt mit Fußball zu tun hatten und eine deutlich kleine Gruppe von jungen Frauen und einem Mann mit arabisch wirkenden Migrationshintergrund.

Während ihrer freudigen Reise, die von mehreren Fanlauten eines hanseatischen Fußballvereins „gekrönt“ wurde, erblickte relativ plötzlich einer der Jungs schlagartig die jungen Damen. In einer nicht wirklich frechen, weil eher unhöflichen Art und Weise frug er diese, ob Sie aus Deutschland kämen, was diese durch ein eher verunsichertes Schweigen ignorierten. Nach wiederholtem Fragen bei gleichbleibender Nicht-Beantwortung ging der junge „Araber“ – ich verzichtete zu diesem und auch zu einem späteren Zeitpunkt nach einer genauen Erkundigung nach dessen Herkunft – impulsiv und mit aggressiver Sprache gegen das nicht wirklich bedrohliche, aber sicher ungesittete Verhalten vor, indem er sich bei dem ursprünglich Fragenden nach einem „Problem?“ erkundigte!

Innerhalb kürzester Zeit stellten aufgrund dieses Geschehens im engen Gang vier bis fünf junge Deutsche gegen einen jungen Araber. Der sich im leichten Suff befundene, für den Moment zumindest eher asozial anmutende deutsche Fußballfan wurde schnell in eine hintere Reihe komplimentiert, so dass andere für die Kommunikation zuständig waren. Zugegeben der junge Migrant wies eine sichtbare Fitness, und eine besondere Ausstrahlung auf, die alle anderen männlichen Beteiligten in der Situation hinter sich ließ. Doch änderte das nichts an der Tatsache, dass hier wohl genau das zu beobachten ist, was Götz Kubitschek einmal in seiner „rückgebundenen Mobilmachung“ andeuten wollte. Wir führen einen doppelten Kampf: Gegen den formlosen, unfitten und verrohten Zustand vieler Deutscher und gegen die ausufernde, ungeduldige und sich anstauende Masse perspektivloser Migranten, die „unsere“ Schwäche förmlich riechen können!

Die greifbare Spannung entlud sich an dieser Stelle im Übrigen nicht. Durch Beschwichtigung mit kleinen, versteckten Drohungen zogen sich die Deutschen Jungs zurück. So sehr die pöbelhafte Sprache vom Anfang zu verurteilen ist, so schwer wiegt aber auch das Triumphgefühl, das den jungen Einwanderer in diesem Land danach erfüllt haben dürfte. Wir müssen unseren Kampfgeist schüren, denke ich mir. Er muss erprobt werden in kontrollierbaren, bewussten Momenten, damit wir fit sind, wenn es wirklich ernst ist.

Drittens

Zwei schwarze Frauen sitzen wiederum direkt vor mir im Zug. Ich muss öfters zu Ihnen blicken, da ich mich in anderer Fahrtrichtung befinde. Sie sprechen eine afrikanische Sprache, schweigen die meiste Zeit. Erscheinen irgendwie erschöpft und müde. Die Fahrt dauert ungefähr zweieinhalb Stunden. Ich hege keinen Groll gegen Sie. Ich lese Peter Sloterdijk während dieser Fahrt. Er schreibt: „Die ererbte und erworbene Blindheit der konventionellen westlichen Kulturwissenschaften für Fragen der Filiation kehrt also in den post-colonial studies schematisch wieder. Sie wiederholen den Basisfehler der westlichen Moderne, die immer die ‚soziale Frage‘ in den Vordergrund rückte und die genealogische Frage zu stellen ‚vergaß‘.“1

Das Leben im Delta eines praktisch anti-ethnischen Denkens vieler Akademiker unserer Zeit, scheint die beiden Damen nicht unbedingt in einen glücklichen Moment zu stoßen. Sie fühlen sich vermutlich fremd in diesem noch recht deutschen Abteil, mit auffallend deutsch sprechenden Schaffnern. Eventuell können Sie aber darauf hoffen, dass die Zukunft ihrer Enkelkinder weit weniger fremd sein wird, in einem räumlichen Teil des heutigen Deutschlands. In einer Gesellschaft, die Sloterdijk als eine Art „Jenseits der Geschichte“ begreift und in der „von alteuropäischer Hierarchie-Sensibilität, von der Kultur des Kompliments, von gebildeter Mehrdeutigkeit, hintergründiger Ironie, weiblicher Ambivalenz, gewachsener Aura, gutem Geschmack und altheimatlicher Atmosphäre nur noch wenig zu spüren ist.“2

Viertens

Ich sitze im Zug und schreibe diese Zeilen. Neben mir zwei ältere Damen, die auffällig gebildet wirken, wenn auch die vor Ihnen liegende Literatur sicher kein hochphilosophischen Ansatz gehabt haben wird. Sollte ich vielleicht ein Gespräch anfangen und versuchen sie über das aufstrebende, neue Greenpeace unserer Zeit, „Ein Prozent“ aufzuklären? Leider kommt es dazu nicht mehr. Am Ende bleibt es dabei einen großen Werbeaufkleber ebenjener Initiative auf der Toilette platziert zu haben. Der Mut war an dieser Stelle dann doch überschaubar. Hoffentlich entstehen in diesem Jahr noch einige etwas erhabenere „Willensverdichtungen“ (Kubitschek Dixit).

1 Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder Neuzeit, Berlin 2014, S. 480.

2 Ebenda, S. 450.