Frei-Wild kann mit ihrem neuen Album zunehmend als Gruppe des ausgeklügelten patriotischen Kommerzes interpretiert werden. In einem Spiegel Interview lassen sie sich zwar nicht zu eine PEGIDA Distanzierung hinreißen, und bügeln auch den Goebbels Angriff relativ unbeschadet ab, wirken dann bei substantielleren Fragen weitgehend oberflächlich. So zum Beispiel bei der Frage, gegen wen oder was denn nun opponiert werden sollte – immerhin lautet der Titel des aktuellen Albums „Opposition“.[1]

 


 

Impressionen einer jungen deutschen Auschwitz-Besucherin: Die ersten Eindrücke sind fürchterlich, erdrückend und bedrückend. Aber auch Unverständnis gegenüber einer ständigen Kollektivierung der Taten während des Besuches! Man fragt sich, wo ist die geschichtspolitische Zukunft? Und wann verarbeiten wir wirklich, um einen normalen Patriotismus leben zu können?

 


 

Zur AfD: Frauke Petry mag nicht per se die für identitäre Kreise beste Funktionärin sein. Doch ihren Blick nach vorne kann man nicht leugnen. Die Zeit verglich sie vor kurzem mit Marine Le Pen, ohne sie dabei mit jener gleichzusetzen und wohl auch deswegen eine für Deutschland auszumachende Gefährlichkeit zu bemerken. Wenn Petry offen verlautbart, dass die AfD auch ohne ihr anfängliches Zugpferd namens Bernd Lucke auskommen kann, dann ist das ein sich in Stellung bringen ihrer selbst, das ausgereiftes Selbstvertrauen zeigt. Und entgegen der schnell laut werdenden Untergangspropheten in den etablierten Medien, kann man durchaus der Meinung sein, dass eine Partei wie die AfD weiterhin einiges an Meinungskredit aufweist. Denn die politische Lage steht zunehmend zu ihren Gunsten und der Richtungsstreit kennt bisher keine wirklichen Skandale, die das Renommee einer rechtsliberalen und/oder rechtskonservativen Partei rabiat untergraben würden. Dass sich auch eine liberale Fraktion, mit einiger wirtschaftswissenschaftlicher Analysefähigkeit in der Partei wiedergefunden hat, sollte jedoch weiterhin Mahnung für Kompetenz verstanden werden. Nur wenn das politische Agieren auf einer starken Lageanalyse basiert und sich den Realitäten annähert, ist von weiterem Erfolg auszugehen. Dieser ist in jedem Fall ohne Bernd Lucke möglich, da Personen nicht Ideen ersetzen. Sie verbreiten diese nur verschieden.

 


 

Man bedenke aktuell die etwas ältere Aufforderung von Götz Kubitschek an identitäre Aktivisten: „Über alledem hat die IBD bis heute nicht erklären können, was sie eigentlich unter ‚Identität‘ versteht. Dies ist auch nicht einfach: Wo Identität als selbstverständlicher Lebensanker verortet ist, muß man sie nicht metapolitisch aufrüsten; wo sie es nicht mehr ist (eben in den Großstädten, und nirgends anders gibt es Bedarf an einer IBD), muß sie es zeitgemäß, großstädtisch, modern formulieren – und vor allem vorleben. Daher rührt der Umstand, daß identitäre Bewegungen in Hausprojekten, also: Verortungen münden.“[2]

 


 

Georg Diez greift die Familienbewegung an. In seinem Kommentar zum Agieren der Großen Koalition bei Fragen von Homo-Ehe und Sterbehilfe steigert dieser sich so sehr in seine postmodernen Wirren hinein, dass nun bereits die CDU „verfassungsfeindlich“ sei. O-Ton: „Wenn jetzt also wieder und wieder Grundrechte auf dem Tisch des Pragmatismus geopfert werden, stellt sich langsam doch die Frage: Ist die CDU damit eine verfassungsfeindliche Organisation? Wohl nicht in ihrer Grundausrichtung, aber in Details schon.“[3] Die Begründung hierfür ist seine Interpretation der Grundrechte. Da ja alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien, dürfe die Sonderstellung von Ehe und Familie schließlich nicht vor Lesben, Schwulen und wohl auch anderen neuen Geschlechtern der Genderdramaturgie halt machen. Hier steht einer an vorderster Front! Ein junger Mann mit Brille und aufklärerischer Mission. Er versteht es einfach nicht, weshalb er denkt, er könne jetzt große Wörter benutzen. Sein Denken wird ganz sicher an der Realität scheitern. Denn, wer so etwas predigt, der macht auch kein Halt vor offenen Grenzen oder einer grenzenlosen „Auflösung aller Dinge“ (Sander). Klugen Linken fällt heute bereits auf, das dies international gesehen scheitern kann!

Die angeblich von Diez ausgemachte unrechtmäßige Diskriminierung im Grundgesetz ist nun wirklich von Naivität kaum zu trennen. Wie viel gleichheitssüchtige Nebel seine Sicht verstört haben mögen? Ein Journalist mit Geschichts- und Philosophiestudium im Gepäck greift also ziemlich tief in die normative Kiste neuartiger Welterklärungen. Obacht, dass diese billigen auf ein eingespieltes Publikum abzielenden moralischen Vorwürfe nicht nach und nach echten Widerstand erregen werden.


 

Ein kluger und strebsamer Aktivist der identitären Metapolitik schrieb unlängst am „verlängerten Stammtisch“ (Kubitschek) unserer Zeit: „Vor Asylbewerberheimen rumzupöbeln ist genauso behindert, wie sich beim Supermarktpersonal über zu hohe Preise aufzuregen.“ Das ist zwar richtig, doch ist die Pöbelei zugleich auch Ausdruck eines generell tiefer sitzenden Missstandes in der Gesellschaft. Wer sich eine Schicht von ständig unzufriedenen Menschen leistet, braucht sich kaum wundern, wenn diese auf strukturell noch weniger integrierbare Menschen wenigstens verbal eindreschen.


 

Bei dem Begriff der Kultur damals und heute, ist folgende Unterscheidung festzustellen. Peter Sloterdijk bezeichnet Kultur in ihrem alten Verständnis „als Ensembles von Obsessionen, die mehraltrige menschliche Kollektive im Griff halten, gleich ob es sich um Sippen, Stämme oder Ethnien handelt […].“[4] Doch jene Einhegung der Kultur durch abgesteckte menschliche Gruppen hat dagegen heute eine bedeutsame Relativierung erfahren. So ist bei der Bundeszentrale für Politische Bildung – bezugnehmend auf Roy Sommer – zu lesen: „Der Kulturbegriff verleitet dazu, Kulturen zu stark als homogene Gemeinschaften wahrzunehmen und ihre interne Heterogenität zu vernachlässigen. Dem wirken neue Ansätze, die sich mit Inter-, Multi- und Transkulturalität beschäftigen, entgegen.“[5] Auch ohne ausführliche Diskussion des Begriffs und seiner wissenschaftlich vielfältigen Verwendung, wird doch allein an diesen Beiden Feststellungen deutlich, dass eine hinreichende Definition von Kultur massivster Dekonstruktion bis hin zur Orientierungslosigkeit ausgesetzt ist.

 


 

Die köchelnde Euro-Krise in vier Medienmomenten:

  1. Nach dem die Verhandlungen zur griechischen Schuldenproblematik gescheitert sind sowie einige Brennpunkte im öffentlich rechtlichen Fernsehen später, konnte man beim Polittalk von Günther Jauch den CSU Politiker Edmund Stoiber erleben, wie er sich mit dem Tsirpas-Berater Theodoros Paraskevopoulos darum stritt, wessen Realität nun stichhaltiger ist.[6] An diesem verbalen Kampf wurde vor allem deutlich, dass mit der neuen griechischen Situation verschiedene Politikkonzepte in die Arena getragen werden. Die Griechen wollen sich nicht länger vorschreiben lassen, welche Politik sich die Geldgeber ausmalen, während bürgerliche Typen anfangen zu schreien, weil sie vermutlich Angst haben, einen herben Aderlass an Wählern hinnehmen zu müssen, wenn eine dauerhafte Schuldenunion etabliert wird. Das wirkliche Problem ist dabei ebenso zu erspüren. Wenn beide nicht mehr wollen, aber aus dogmatischen oder taktischen Gründen weitermachen, dann ist ein konsequenter Schritt (geordneter Grexit) umso schwerer!

 

  1. Lesenswert ist die FAZ zumindest deshalb von Zeit zu Zeit, weil sie durchaus tiefer denken kann, wenn sie denn mal einen guten Tag hat. So kauft man sich an ereignisreichen Tagen doch ein Exemplar, ohne dieses Blatt insgesamt wieder unterstütztenswert zu finden. Auf einem Höhepunkt der derzeitigen Verhandlungskrise schreibt Jürgen Kaube über das „magische Denken“, und meint damit die ideologischen Blüten in der Krise, die sich einer einfachen Problemlösung verschreiben.[7] Bemerkenswert ist nun, dass Kaube – nachdem er die arrogante Ferndiagnostik eines Jürgen Habermas kritisierte – vor allem das Fehlen einer wirklichen parlamentarischen Opposition benennt, die auch öffentlichkeitswirksam als Gegenspieler auftritt. Status Quo ist dagegen eine fehlende parlamentarische Debatte. Gabriel und Merkel unterscheiden sich nur in der Tonart, während die AfD braucht wohl noch Zeit braucht, um sich ihrer Chance bewusst zu werden.

 

  1. Gibt es Unterschiede in der deutschprachigen Berichterstattung zur aufflammenden Euro-Krise? Ein kleiner Zeitungsvergleich verspricht Aufklärung. Gelesen wurden Kommentare in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Jungen Welt und der Neuen Züricher Zeitung.

 

Beginnen wir mit dem Schweizer Blatt, wo man einen Beitrag der beiden Baseler Wissenschaftler Lukas Hohl und Rolf Weder erblickt.[8] Darin gehen sie der Frage nach, welche Argumentation für oder gegen den Euro perspektivisch vielversprechender erscheint. Summa summarum können sie beiden Lagern etwas abgewinnen, denken aber zugleich auf einer anderen Ebene, aus der Sicht der gesamten Währungsunion, derer sie keine Zukunft geben, da insgesamt „die EWU sehr weit weg von einem optimalen Währungsraum“ sei. Selbst nach einer schmerzhaften Lösung der griechischen Situation, sehen die Autoren weitere Brandherde auf den Währungsraum zukommen, ein permanenter Unruheherd sei zu erwarten. Grundsätzlich wird die Lage so interpretiert, dass nur eine Gesamtauflösung des Euroraums zu einer echten Erholung führen könnte. Die Wirtschaftswissenschaft solle sich mit der Frage beschäftigen, wie dies am besten zu gestalten sei. Eine Möglichkeit: Deutschland tritt aus, da hierdurch weniger Turbulenzen zu erwarten seien.[9]

 

Soweit eine eher wirtschaftsliberale aber antidogmatische Einschätzung der Situation aus der Schweiz. Wie wird dies bei den Neomarxisten in Berlin gesehen? Hier lesen wir die Maxime, dass die aktuelle Regierung „ein gemäßigt sozialdemokratisches Aufbauprogramm“ vorschwebe, was der dogmatischen Haltung in Brüssel widersprechen würde.[10] Zugleich wird die Rede Tsipras nach dem Verhandlungsabbruch wiedergegeben. In dieser findet sich pathetischer Ton, die Lage erreicht demnach eine nur noch schwer vorauszusehende Dynamik: „Wir haben heute die Möglichkeit, uns selbst und der ganzen Welt zu beweisen, dass das Recht gewinnen kann. Wir haben ein weiteres Mal die historische Chance, einer Botschaft der Hoffnung und der Würde in die ganze Welt hinauszuschicken.“[11]

 

Und zu guter Letzt schwenken wir um auf die wirtschaftsjournalistisch weiterhin sehr renommierte „Zeitung für Deutschland“. In ihrer Berichterstattung wird deutlich, dass sehr wohl alternative Reaktionsmuster im etablierten Betrieb vorbereitet sind, diese aber nicht öffentlich diskutiert werden. Gegen solche Wege stünde jedoch weiterhin ein unglaublicher Wille die Situation aus politischen Gründen durchzuhalten[12] An anderer Stelle wird sogleich die Schuld der Misere als besonderes griechisches Versagen bezeichnet. Rainer Herman, der während der frühen Berichterstattung über die Entwicklung in Syrien auffällig wohlwollend agierte, sieht in der derzeitigen Krise vor allem spezielles Missverständnis beim Gebrauch von Staatlichkeit in Griechenland: „Doch nicht das Verhalten der Geldgeber führt Griechenland in die Zahlungsunfähigkeit, sondern der dysfunktionale Staat.“ Willkommen in der liberalen Einseitigkeit von außen, bei der „Gläubiger eine historische Chance“ hätten einen neues Staatsethos für Griechenland zu schaffen.[13] Was für eine Nebelkerze für die deutsche Öffentlichkeit!

 

  1. Seit Jahren dieselbe Forderung von Hans Werner Sinn: Griechenland muss raus!

 

Zuletzt im Interview am 22. Juni in der FAZ, wo auf die Frage, ob der Grexit ernste Ängste schaffen sollte, Sinn wie folgt antwortet:

„Nein, der öffentliche Diskurs ist da völlig verzerrt und falsch. Der Staatsbankrott wird für die Griechen hart, aber der Grexit nach dem Bankrott ist die Rettung. Das Ifo-Institut hat jene 70 Staaten untersucht, die in der Zeit nach dem Krieg in den Konkurs gingen und dann abwerteten. Das Ergebnis war eindeutig. Es gibt zunächst eine harte Phase, aber nach etwa ein bis zwei Jahren wächst die Wirtschaft wieder. Eine neue Studie von Oxford Economics hat das gerade noch mal bestätigt.“[14]

 

 

[1] Jurek Skrobala: Skandal-Band Frei.Wild, http://www.spiegel.de/kultur/musik/interview-mit-der-skandal-rockband-frei-wild-a-1027269.html, zuletzt abgerufen am 02.07.15.

[2] Götz Kubitschek: Scheitert die Identitäre Bewegung in Deutschland?, in: SiN, abzurufen unter: http://www.sezession.de/36974/scheitert-die-identitare-bewegung-in-deutschland.html, zuletzt abgerufen am 01.07.15.

[3] Georg Diez: Widerstand der CDU gegen Homo-Ehe: In Details verfassungsfeindlich, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-homo-ehe-und-das-grundgesetz-a-1038549.html, zuletzt abgerufen am 14.06.15.

[4] Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder Neuzeit, Suhrkamp 2014, S. 222.

[5] Ansgar Nünning: Die Vielfalt der Kulturbegriffe, http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/59917/kulturbegriffe?p=2, zuletzt abgerufen am 01.07.15.

[6] Vgl. Günther Jauch: Showdown im Schuldenstreit – Was wird aus Griechenland? http://daserste.ndr.de/guentherjauch/Showdown-im-Schuldenstreit-was-wird-aus-Griechenland,guentherjauch528.html, zuletzt abgerufen am 02.07.15.

[7] Vgl. Jürgen Kaube: Die Stunde des magischen Denkens, in: FAZ vom 30. Juni 2015, S. 9.

[8] Vgl. Lukas Hohl/ Rolf Weder: Europäische Währungsunion – was niemand hören will, in: NZZ vom 1. Juli 2015, S. 19.

[9] Vgl. Ebenda.

[10] Arnold Schölzel: Realität stört, in: JW vom 30. Juni 2015, S. 8.

[11] Alexis Tsipras: Rede zur Entscheidung der Euro Gruppe, in: JW vom 30. Juni 2015, S. 8.

[12] Vgl. Philip Plickert: Planspiele für die griechische Staatsinsolvenz, in: FAZ vom 30. Juni 2015, S. 15.

[13] Rainer Hermann: Griechen ohne Staat, in: FAZ vom 2. Juli 2015, S. 1.

[14] Hans-Werner Sinn: Im Interview mit der FAZ, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/hans-werner-sinn-der-grexit-ist-die-rettung-13658526.html, zuletzt abgerufen am 02.07.15.