people-692005_1280„Die Undefinierbarkeit des Seins dispensiert nicht von der Frage nach seinem Sinn, sondern fordert dazu gerade auf.“ – Martin Heidegger, Sein und Zeit

Wir entkommen uns nicht. Als Kinder unserer Zeit tragen wir eine grundsätzliche, eine ontologische Unsicherheit, eine Beliebigkeit, einen Relativismus und eine Ungebundenheit in uns, die uns zunächst dazu verdammen muss, mehr absurdes Wesen, als Mensch zu sein.

„Eine Welt, die sich – wenn auch mit schlechten Gründen – deuten und rechtfertigen läßt, ist immer noch eine vertraute Welt. Aber in einem Universum, das plötzlich der Illusionen und des Lichts beraubt ist, fühlt der Mensch sich fremd. Aus diesem Verstoßen-sein gibt es für ihn kein Entrinnen, weil er der Erinnerungen an eine verlorene Heimat oder der Hoffnung auf ein gelobtes Land beraubt ist. Dieser Zwiespalt zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Schauspieler und seinem Hintergrund ist eigentlich das Gefühl der Absurdität.“ – Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos

Die Welt, wie wir sie heute erleben, ist die einer sinnlosen Entstellung, einer absurden Kopie ihrer selbst. Beraubt von Sinn, Zusammenhang und Ziel irren wir heute umher und versuchen uns an etwas zu verlieren, das größer als wir ist – weil wir es verloren haben. Die Beliebigkeit der Interpretation, die postmoderne Schimäre, die unsere ontologische Nabelschnur zerschnitten hat, hat uns unweigerlich verjagt aus dem „Paradies“ einer geordneten Welt.

„Postmoderne, das sei das Ende der leitenden Ideen, wie sie die Moderne bestimmt hätten. Das ist die erste Strategie des Vergessenmachens, die uns die Postmoderne abverlangt.“ – Burghart Schmidt

Das Leugnen einer Ordnung (Kosmos, altgr. „Ordnung“), die in ihrem Erkennen notwendigerweise zwingende Schlüsse über das Gute und Wahre, über Tugend und Ideal mit sich bringt, steht am vorläufigen Ende einer Entwicklung, die die abendländische Zivilisation als Keim des Zweifels schon immer in sich getragen hat. Der hellenische Skeptizismus und der Epikureismus versahen schon früh eine Ordnung der Welt mit einem Fragezeichen und gaben folglich Antworten auf die Aufforderungen des Seins, die den heutigen nicht allzu fremd sind. Nach jahrhundertelangem, durch die Vorherrschaft des Christentums bedingtem, philosophischem Dämmerschlaf kehrten europäische Gelehrte zu diesen antiken Quellen des Zweifels zurück und leiteten so eine Epoche ein, die wir als „Aufklärung“ bezeichnen. Am Ende dieser Entwicklung stand der offene Bruch mit der alten Ordnung, der Tradition – dem Göttlichen. Eine dialektische Entwicklung könnte man meinen: Nach der Vorherrschaft einer kirchlichen Dogmatik erfolgte die Befreiung in Form des Abschüttelns des Althergebrachten und unterdrückerisch Auftretenden.

Die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) jedoch, schüttete das Kind mit dem Bade aus: Aus der Ablehnung einer Interpretation einer Ordnung, wurde die Ablehnung der Ordnung an sich. Nach dem Tode Gottes (Nietzsche) also tat sich der nihilistische Abgrund auf, der wie Pandoras Büchse Beliebigkeit und Relativismus gebar. Der Intellekt, der Zweifel trat an die Stelle, die zuvor Gott einnahm. Die Überhöhung der menschlichen Vernunft, ihre Entkopplung von der sie hervorbringenden und umgebenden Welt bewirkte eine schrittweise Entsinnlichung des Seins, deren Konsequenz wir heute um uns herum nur allzu deutlich spüren. Doch „Spüren“ ist ein zu schwaches Wort, um den Prozess in seiner Absolutheit zu beschreiben: Wir selbst sind entsinnlicht, entleert und aus der Ordnung entbunden. Es gibt dabei keine Wahl, kein Ausweichen. Am Anfang steht das Absurde – erst nachträglich kann überhaupt nur eine Korrektur stattfinden. Dies markiert die historische Singularität, mit der wir zu kämpfen haben.

In jeder Hinsicht sind wir, die wir heute als identitäre Aktivisten uns in die Welt geworfen sehen, auf uns allein gestellt: Nicht nur sind wir politisch isoliert (ein Schicksal, das zu ertragen für sich genommen noch ein leichtes wäre), vielmehr fehlt uns jede Einbettung in eine Tradition, eine Ordnung, die uns Halt geben und auf deren Schultern wir uns vorwärts kämpfen könnten.

Der Zweifel als Splitter im Herzen betrifft nicht nur die Sorge, auf der richtigen, der gerechten und guten Seite der Geschichte zu stehen – nein, er durchdringt unser ganzes Wesen. Nicht nur befinden wir uns kollektiv mit der ethno-masochistischen Selbstabschaffung unserer Völker in einer beispiellosen Situation, auch individuell erleben wir eine Einmaligkeit: Noch nie wurden Menschen so nachhaltig entwurzelt und vereinzelt wie wir es sind: metaphysisch, kulturell, gesellschaftlich, politisch – individuell. Und dennoch sind wir in die Agonie unserer Kultur geworfen: Wir müssen kämpfen, wissen aber kaum wofür, um was, mit wem, für was und vor allem mit was. Allein die Selbstbestimmung, das wir, das ich, ist heute mehr Frage denn Antwort.

Wir gleichen insofern fast mehr dem „letzten Menschen“ Nietzsches als der „letzten Generation“ Europas: Das „Glück“ – die Ruhe, der Wohlstand – das „gute Leben“ ist das einzige, was uns inklusive ihrer vagen Definitionen noch angeboten wird. Doch hat man die damit zusammenhängende Lüge, als die Unwahrheit ihres Anspruchs und die Unmöglichkeit ihrer Verwirklichung im Bestehenden erkannt, steht man zunächst für sich allein.

Zwar gibt es Möglichkeiten der Orientierung, die in ihren Angeboten doch alle entweder nicht vollumfänglich zufriedenstellend sind oder eine Verstellung der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Sicht auf die Welt erfordern. Politischer Ersatz kann auch kaum über die Leere hinwegtäuschen, die im Innern bleibt – sofern an ihre Stelle nicht die Bewusstheit einer Ordnung treten kann, die das Individuum wieder zurückbindet an die es umgebende Welt. Einmal von der Tradition losgeschnitten, kann die Antwort auf das Absurde eben nicht die Tradition sein, ohne als solche zum bloßen Kitsch zu verkommen.

Woher soll also die Antwort auf die individuelle und ihrer Konsequenz ebenso kollektive Krise kommen? Sie kann nur in der Gegenwart entstehen, muss sich aber der Vergangenheit bedienen. Vor allem muss sie in der Lage sein, tatsächlich unser ganzen Wesen zu erfassen, nicht nur um uns Anker im Wahnsinn – sondern auch Plattform der Betätigung zu sein, Fels an dem der zeitgeistige Ungeist der Postmoderne zerschellt.

„ Das Wissen um eine Lebensaufgabe hat einen eminent psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert. Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewußtsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“ – Viktor Frankl

Genau wie der Zweifel, liegt aber auch die Gewissheit und die Begründung einer Ordnung an der Wurzel der abendländischen Kultur. Zu einer Zeit in der Philosophie noch Lebenspraxis bedeutete entwickelten unsere Vorfahren Waffen des Geistes, die so universell in ihrer Ausgestaltung sind, dass sie fast dazu prädestiniert sind, uns heute Schwert, vor allem Schild zu sein.

„Alles ist voll von Spuren göttlicher Vorsehung. Auch die zufälligen Ereignisse sind nichts Unnatürliches, sind abhängig von dem Zusammenwirken und der Verkettung der von der Vorsehung gelenkten Ursachen. Alles geht von der Vorsehung aus. Hiermit verknüpft sich sowohl die Notwendigkeit als auch das, was zur Harmonie des Weltganzen nützlich ist, wovon du ein Teil bist. Was mit dem großen Ganzen übereinstimmt und was zur Erhaltung des Weltplanes dient, das ist für jeden Teil der Natur gut. Die Harmonie der Welt wird erhalten sowohl durch die Veränderungen der Grundstoffe als auch der daraus bestehenden Körper. Das genüge dir, das möge dir stets zur Lehre dienen.“ – Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch II, 3

Kein Bekenntnis zu einem Gott, einem Pantheon, keine ausformulierte Metaphysik – sondern die Anerkenntnis der Ordnung der Welt an sich ist die Grundlage dieser Schule, der Stoa, die seit Beginn ihres Bestehens der natürliche Feind des Hedonismus der Epikureer war und uns auch heute im Kampf gegen Dekadenz und Nihilismus eine Fackel in der Nacht sein kann. Trotz des Verzichts auf religiösen Unterbau verpflichtet sie den Einzelnen nicht ebenfalls auf diese Entsagung: Auch bestehende, traditionelle Entwürfe kann sie unterbringen. So hat sich nicht nur das Christentum an ihr bedient – die Integration der nordischen Religion und Mythologie ist ebenso nahtlos möglich, wie fruchtbar. Doch am meisten kann sie dem völlig Entwurzelten Orientierung geben, einen Rahmen, in dem das Wichtigste und für ihn heute Fernste unter– und vor allem hervorgebracht werden kann: Der Sinn.

Die zwingende Folge der Anerkenntnis der Ordnung der Welt ist die Anerkenntnis des Schicksals, die freudige Hingabe an die Notwendigkeiten des Seins, die bereitwillige Annahme der Aufgaben, die das Leben einem stellt.

„Denke also daran, bei allem, was dir Traurigkeit verursachen könnte, bei dieser Wahrheit Zuflucht zu suchen: Dies ist kein Unglück, vielmehr ein Glück, es mit edlem Mute zu ertragen.“ – Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch IV, 49

Doch wie kann man diese Sicherheit erlangen, infiziert mit dem Geist der Skepsis, der alles, einer Zwangsneurose gleich hinterfragen muss? Indem man den Zweifel gegen sich selbst wendet: Was ist denn der Kosmos anderes, als ein Konglomerat an Regeln und Gesetzen, die seiner Existenz vorausgehen, ja in ihrem Wesen über ihn hinausgehen? Was kann da „Zufall“ sein außer dem Versuch einen Mangel an Erkenntnis(-Möglichkeit) zu kaschieren? Die Technisierung, die vermeintliche Unterwerfung der Welt belegt ja gerade ihre Ordnung. Da wo alles eine kausale Ursache hat, gibt es auch eine erste Ursache, die alles miteinander verbindet und jeden und alles in ein Sinngeflecht stellt.

Berauscht an seiner kleinen Erkenntnis der Dinge vergisst der Mensch die Erkenntnis der Welt an sich, die nur im Erkennen seiner Beziehung zum Ganzen liegen kann und sich in dieser Beziehung erschöpfen muss. Doch allein diese Beziehung offenbart die tiefe Anbindung und Verwurzelung, die wir im Ganzen haben und die uns Anker und Inspiration gleichzeitig ist: Wenn alles seinen Sinn hat, du und ich, im Hier und im Jetzt einen Sinn haben, ja darstellen, dann bestimmt unsere Hinwendung zur guten und gerechten Tat den weiteren Verlauf des Ganzen hin zu seinem vorbestimmten Lauf. Nur die Orientierung am Ganzen, an seinen Gesetzmäßigkeiten und seinen Beziehungen zu den Einzeldingen kann uns in dieser Hinsicht das Gute heißen. Das Gute, das Wahre, das Schöne, das Gerechte ist das, was der naturgemäße Lauf des Weltgeschehens uns lehrt.

Die fruchtbare Ordnung der Dinge und der Menschen zu wahren, uns selbst dabei nicht zu schonen, sondern die Tugenden der Weisheit, der Gerechtigkeit, der Disziplin und des Mutes jeden Tag aufs Neue von uns zu verlangen, das sei gerade heute unsere Aufgabe, die wir mit ernster Freude annehmen. Warum? Weil dies im Zweifel der einzige Sinn ist, den wir erkennen können: Die Annahme der kosmischen Ordnung als Minimalkonsens wider den zerstörerischen Nihilismus der Postmoderne und als eine tiefere Antwort als bloß ritualisierte Tradition jemals könnte. Das Ritual selbst ist Ausdruck der jeweiligen Erkenntnis des Menschen in seiner Beziehung zum Sein. Verliert es diesen Ausdruck, weil seine Träger nicht mehr davon durchdrungen sind, verliert es seinen Sinn – seinen Zweck. Eine kohärente Ontologie, ein Sinn, ist nichts für Feiertage und Wochenenden – sondern lebenswichtig. Ihn zum Mittelpunkt unserer Existenz zu machen gibt uns die Kraft, den Herausforderungen gewachsen zu sein, denen wir uns gegenübersehen.

„Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist sehr lange ein bequemer Weg. Eines Tages aber steht das <Warum> da, und mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. <Fängt an> – das ist wichtig. Der Überdruß ist das Ende eines mechanischen Lebens, gleichzeitig aber auch der Anfang einer Bewußtseinsregung. Er weckt das Bewußtsein und bereitet den nächsten Schritt vor. Der nächste Schritt ist die unbewußte Umkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen. Schließlich führt dieses Erwachen mit der Zeit folgerichtig zu der Lösung: Selbstmord oder Wiederherstellung.“ – Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos

Die obige Feststellung, dass wir mit einer Einmaligkeit der Geschichte konfrontiert seien, mag zwar zutreffen, doch darf sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit dieser Art der Herausforderung allein seien: Schon immer ereigneten sich historische Singularitäten und sie tun dies beständig weiter. Halt kann einem die Geschichte nur in Form der Inspiration, niemals aber in der konkreten Bewältigung von Vergangenem geben. Dieser Halt muss mehr, muss größer sein, als die bloße Orientierung an den Vorfahren. Er muss verwurzelt sein in der Welt selbst, die so durch ihr Erkennen nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart und der Zukunft einen Sinn zuweist. Eine politische Anschauung muss daher notwendigerweise, will sie diesen Zweck erfüllen mehr sein. Sie muss Welt-Anschauung sein.

„Dagegen muß jede reflektierte Haltung zu der Erkenntnis kommen, daß es im Menschen ein unabweisbares Bedürfnis gibt, ein möglichst vollständiges Bild von sich selbst und dem Zusammenhang des Seins zu entwerfen und daß dieses Bedürfnis in Spannung zur <Aspektstruktur> (Karl Mannheim) menschlicher Erkenntnis steht, das heißt, daß ein vollständiges – objektives – Begreifen nicht möglich ist, sondern daß das Begreifen standortbezogen bleibt, ohne daß das Bedürfnis nach Weltanschauung deshalb verschwände.“ – Lehnert/Weißmann, Staatspolitisches Handbuch, Band 1

Die Verortung der beschriebenen Sinn- und Seins-krise in Europa legt sodann nahe, dass sich aus ihrer Beantwortung keine universalistische Heilslehre ableiten kann, sondern nur, dass sie uns – heute und hier – Geleit sein kann, weil wir keine andere Wahl haben, als uns entweder von Nihilismus und Dekadenz umspülen und aushöhlen zu lassen, oder wieder und nachhaltig an Substanz hinzuzugewinnen. Dass diese Substanz nur Teil unseres geistigen Erbes sein kann, ist dabei nur folgerichtig. Eine mögliche Quelle dieser Substanz sei mit diesem Aufsatz nun angedeutet.