tie-690084_1280„Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürger sind, macht uns seine Verwesung Spaß.“ (Ernst Jünger)

Es ist nur schwer zu übersehen, dass in den konservativen und patriotischen Diskursen die Begriffe von „Bürgerlichkeit und Bürgertum“ durchaus häufige Verwendung finden und auch nicht selten als zentrale Zielgruppenbestimmung fungieren. Allerdings ist die Deutung und Verortung dahingehend recht unscharf und verlangt nach konkreten Abgrenzungskriterien und einer kritischen Betrachtungsweise.

Gemeinhin wird unter dem Bürgertum oftmals die soziologische Gruppe verstanden, die bestimmte gesellschaftliche Errungenschaften bewahren und eine soziostrukturelle Schicht darstellen, welche eine stabilisierende Gesellschaftsfunktion einnimmt. In ökonomischen Kategorien wird dies auch meist unter der Begrifflichkeit des „Mittelstandes“ subsumiert. In der Geschichte bildete das Bürgertum immer ein recht heterogenes Spektrum, welches vor allem im späten Mittelalter meist eine eigenständige Schicht zwischen Adel und Klerus auf der einen sowie Arbeiter und Bauern auf der anderen Seite repräsentierte, also die mittlere Gesellschaftskomponente der feudalen Ordnung ausmachte, die aber dennoch keine rechtliche Sonderstellung beanspruchen konnte.

In der kommunistischen Ideologie avancierte der Begriff des Bürgertums (Bourgeoisie) zu einer Kampfvokabel und Feindbestimmung, da man hierin die soziale Klasse sah die den Bestand der ökonomischen Verhältnisse sicherte und somit den Klassenkampf in seiner notwendigen sozialen Dichotomie vervollständigte. Man wird nicht umhinkommen, die Heterogenität des Bürgertums in ökonomischen oder soziologischen Kategorien anzuerkennen und sich daher notwendigerweise auf einige, wenn auch mitunter etwas polemisierende Wesens- und Charakterbezüge zu beschränken. Allerdings soll sich die nachfolgende Argumentation selbstverständlich an objektivierbaren Kriterien messen lassen.

Was sich historisch weitgehend verallgemeinern lässt, ist das, dass Bürgertum schon immer etwas Bewahrendes, Erhaltendes, Konservierendes, Tradierendes und Sicherndes ausmachte, was sich auch aus der mittellateinischen Ableitung „burgus“ deuten lässt, was soviel wie eine privilegierte Ansammlung von Kaufleuten und Handwerkern in städtischen Regionen darstellte. Das heißt, der Privilegiertenstatus kennzeichnet eines der Wesensmerkmale des Bürgertums. Einen gewissen Konservatismus wird man dem Bürgertum also nicht absprechen können. Die Frage ist nur, ob diese konservativen Grunddispositionen des Bürgertums auch eine politische Handlungsfähigkeit oder politische Mobilisierung hervorrufen können, oder ob es sich dabei lediglich um besitzstandswahrende Motivationen handelt.

In der Partei „Alternative für Deutschland“ ist derzeit ein Streit entbrannt, in dem zwei verschiedene Parteiflügel jeweils ein bürgerlich-konservatives Profil für sich beanspruchen. Bei PEGIDA verzichtet die Spitzenkandidatin für die Oberbürgermeisterwahl in Dresden, Tatjana Festerling, auf einen Antritt im zweiten Wahlgang zugunsten eines FDP Kandidaten, um das „konservativ-bürgerliche“ Lager zu einen. Auch allgemein ermitteln die meisten konservativen, rechten Kreise das bürgerliche Milieu für sich als Zielgruppe. Doch die Annahme einer vorhandenen konservativen gesellschaftlichen Substanz ist ein trügerischer Schein, der keineswegs politisches Mobilisierungspotential in sich birgt, welches jedoch für eine Avantgarde im Kampf gegen die linksliberale Herrschaftsordnung notwendig ist. Dem Bürgertum ist immer auch eine hegemonial gesellschafts- und systemstabilisierende Funktion immanent, die sich vor allem in einer nicht zu verleugnenden Passivität gegenüber politischen Veränderungstendenzen widerspiegelt. Gewiss gibt es auch historische Ausnahmen, im Rahmen derer beispielhaft die Studentenrevolution von 1848 angeführt werden kann, deren Protagonisten sich vorwiegend aus der bürgerlichen Gesellschaftsschicht rekrutierten. Gerade dieses stabilisierende und bewahrende, scheint dennoch eine gewisse Attraktivität auf das konservative und patriotische Lager auszuüben. Der bewahrende und konservierende Faktor ist rein gesellschaftsstrukturell sicherlich keine unbedeutende Komponente, er nimmt jedoch nur selten ein gestaltendes Moment ein, welches aber mit politischen Veränderungsbewegungen untrennbar verbunden sein müsste.

Doch was wird heute stabilisiert und welcher Stereotyp repräsentiert das bürgerliche Lager? Polemisch gesprochen, ist der Musterbürger heute die vegane Öko-Feministin und Grün-Wählerin aus Berlin-Kreuzberg, die ihre Kinder auf Privatschulen schickt, da auf den staatlichen Schulen der Ausländeranteil bereits Zustände erreicht hat, die selbst Linke mit vermeintlicher interkultureller Kompetenz an ihre Toleranzgrenzen stoßen lässt. In deutschen Großstädten ist es vordergründig das Konservieren eines pseudorevolutionären linken Habitus aus vergangenen Tagen, an die die heutige Linke gerne anknüpfen würde, aber altersbedingt dann doch lieber die moralische Instanz für einen universellen Scheinhumanismus darstellt.

Woher kommt nun also der Reiz im patriotischen Spektrum, sich zunehmend dem bürgerlichen Lager als Zielgruppe anzupassen? Zunächst sei ein mögliches Missverständnis ausgeräumt, dass das Bürgertum eine gänzlich ungeeignete Zielgruppe sei. Gerade im Sinne der Metapolitik und hegemonialer Ordnung, wird man nicht umhinkommen, auch Entscheidungsträger der bürgerlichen Zivilgesellschaft für patriotische Themen zu gewinnen. Die Frage ist lediglich, welches politische und weltanschauliche Selbstverständnis man sich selbst auferlegt. Durch die Fixierung auf das Bürgertum wird der Versuch unternommen, der mit der Äußerung „politisch inkorrekter“ Auffassungen einhergehende gesellschaftlich exponierten Stellung zu entkommen. Unter der Erkenntnis des Zustandes der sozialen Isolierung stößt man in den bürgerlichen Konsens, was meist unmittelbar mit einer rhetorischen Abrüstung über Begriffe wie „rechts“ und „konservativ“ verbunden ist, in Zuge dessen sich dann schöne Wortneuschöpfungen wie bspw. der Begriff des „Wertkonservativen“ ergeben.
Ohne Frage, patriotisches Engagement befindet sich immer in einer latenten Defensivposition. Der politische Gegner nutzt jeden Fehltritt, jede rhetorische Entgleisung sofort aus und stellt ihn als mit dem vermeintlich moralischen Konsens unvereinbar dar. Das linksliberale Establishment hat einen klaren moralischen und politischen absoluten Wahrheitsanspruch, der auch zunehmend staatlich und institutionell untermauert wird. Wir befinden uns als Patrioten in einem permanenten Rechtfertigungsdruck, da der linksliberale Mainstream seine Ideologie als Selbstverständlichkeit in Zivilgesellschaft und Staat installiert hat und damit auf einer permanent suggestiven Ebene mit vereinfachter Polemik seine Widersacher zum Schweigen bringen kann.

Selbstverständlich wird es nicht ausbleiben, dass gewisse politische Fragen auch mit der notwendigen Grundsensibilität behandelt werden. Doch unsere Zeit erfordert eben auch eine grundsätzliche Infragestellung der linksliberalen Hegemonie, die sich nicht nur auf tagespolitische Frequentierungen und Debatten beschränkt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Zielgruppenbestimmung des Bürgertums von vornherein eine selbstauferlegte Verengung metapolitischer Handlungsräume bedeutet. Konkret, als Identitäre, geht es für uns auch weniger darum, eine bestimmte soziale Gruppe oder ein bestimmtes Milieu aus dem Volk heraus anzusprechen. Unsere Aufgabe besteht vielmehr darin, einen ganz eigenen Typus des politischen Handelns in Form des sogenannten „Idealisten“ zu repräsentieren. Der Idealist gibt sich nicht mit einem Scheinfrieden, einem seichten Konformismus oder feigen Konsens zufrieden. Er sieht sich als in die Verhältnisse Geworfener, in denen seine volle Einsatzbereitschaft verlangt wird und die eigene Persönlichkeit in den Dienst der Sache gestellt wird. Dies ist keine erzwungene Unterdrückung von Individualität, sondern erwächst geradezu aus einer inneren Haltung heraus, die eben auch von einer freien persönlichen Entscheidung abhängt und diese beständig in ihrer Freiheit bestätigt.

Wenn wir den Konservatismus im konventionellen Wortsinne von „konservieren“ verstehen, dann ist dies entschieden abzulehnen, da der herrschende Zeitgeist mit seinen konstruktivistischen Ideologien und seinem ethnomasochistischen Selbsthass, der die ethnokulturelle Selbstabschaffung zum Ergebnis hat, nichts der Konservierung Würdiges in sich trägt. Allerdings sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass der Begriff „Konservatismus“ nicht auf diese allzu enge und verkürzte Definition reduziert werden kann. Das Bewahrende Selbstverständnis trifft natürlich auch einen Grundkern, der der identitären Weltsicht zu eigen ist, dennoch aber von politischen Strategiefragen differenziert betrachtet werden sollte.

Man wünscht sich in vielen patriotischen Kreisen etwas mehr Angriffslust und Mut zur Offensive. Patrioten haben unter den heutigen gesellschaftlichen Zuständen nichts mehr zu verlieren. Nicht selten vernimmt man inzwischen auch fatalistische Stimmen, die die Resignation und das Rückzugsgefecht heraufbeschwören. Diesen Stimmen muss man jedoch entgegenhalten, dass es heute nichts mehr gibt, was sich in einem resignierten Zurückziehen noch verteidigen ließe. Der linksliberale Zeitgeist nimmt alle bestehenden und bis dato gültigen Werte unserer europäischen Zivilisation gnadenlos unter Beschuss. Jeglicher Bestand an kultureller Substanz der heute in seinen Grundzügen noch Gültigkeit beanspruchen kann, befindet sich in einem sukzessiven Erosionsprozess. Über eine historische Schwelle können wir nur etwas retten, wenn wir es uns zurückerobern. Der Begriff der „Reconquista“ (Rückeroberung), den sich die Identitäre Bewegung zu eigen macht, drückt nicht umsonst eine kämpferische Haltung aus, an der wir unser Selbstverständnis als Erben der Verteidiger Europas ausrichten.

In diesem Sinne ist es geboten, dass das patriotische Spektrum sich verstärkter das Selbstverständnis einer angriffslustigen Avantgarde auferlegt. Für uns gibt es keine Rückzugsräume mehr, in die wir flüchten könnten, keine Schollen oder Inseln, die mittelfristig nicht ebenso in den Sog der destruktiven Tendenzen mit einbezogen werden. Im Netztagebuch der Sezession war kürzlich in den Kommentarspalten ein eindrucksvolles Zitat zu lesen, welches die patriotische Angriffslust in einer schönen militärischen Analogie hervorhebt. Ein US-amerikanischer Offizier sprach in der nahezu aussichtslosen Situation seiner Truppen im Korea-Krieg folgende Worte;

„Der Feind steht vor und hinter uns, sowie rechts und links. Jetzt kann er uns nicht mehr entkommen“.

Dieses Zitat soll keineswegs als Zynismus, sondern vielmehr als Herausforderung und Annahme des Kampfes gegen die herrschenden Verhältnisse verstanden werden.

„Der Bürger“, wenn er sich als Konservativer und Patriot begreift, muss sich in diesem Sinne bewusst werden, dass sich seine gesellschaftlichen Voraussetzungen innerhalb des letzten Jahrhunderts drastisch verändert haben. Was es an kultureller Grundsubstanz in den 1950er Jahren tatsächlich noch zu bewahren gab, muss heute erst neu erkämpft und unserer Zeit gemäß wieder etabliert werden. Konservativ sein muss heute, wenn der Bürger sich in seiner Stellung behaupten will, ebenso revolutionär sein.