kremlin-170668_1280Russland ist ein Land, das seine Faszination bei Besuchen auch dadurch konserviert, sich neben den westlichen Einflüssen aus vielen Jahrhunderten doch immer noch etwas originär Eigenes vorzubehalten. Nun könnte man denken, dass dies selbst in anderen Ländern – in denen die Postmoderne viel gegenwärtiger ist – noch anzutreffen sei, frei nach der Devise einer traditionell ausgehöhlten Folklore, die nur noch zu kapitalistischen Festen präsentiert wird.

Verhält es sich in Russland anders? Sind die Menschen in dem riesigen Land in ihrer Identität gefestigter? Oder haben sie nur Nachholbedarf, was die postmoderne „Dekonstruktion“ angeht? Diese Fragen sind nicht von geringer Relevanz, wenn man sich die derzeitige Lage in Europa anschaut. In identitären Kreisen schwankt die Bewertung des östlichen Riesen zwischen nahezu unkritischer Affirmation, als Sinnbild eines Hoffnungsträgers für eine kulturelle Erneuerung und zunehmender Desillusionierung als weiterem „Player“ im globalen Furor unserer Tage. Ein politischer Weggefährte äußerte unlängst beim gemeinsamen Essen, dass die Russland/Ukraine-Frage quasi die Israel/Palästina-Frage auf der politischen Rechten abgelöst hätte. In diesem Beitrag sollen ein paar Gedanken zur russischen Situation skizziert werden, die einer allzu pessimistischen Sichtweise auf Russlands Entwicklung widersprechen.

Zunächst wollen wir dem Einwurf von Hauke Ritz folgen, der in seinem Artikel „Besitzt der gegenwärtige Konflikt mit Russland eine kulturelle Dimension?“ einen kulturellen Gegensatz zwischen dem in der Moderne verhafteten Russlands zum postmodernen Westen aufmacht. Der Geschichtsphilosoph Ritz definiert in seinem Text die Begriffe Postmoderne und Moderne, wobei sich ersterer von letzterem vor allem durch die wissenschaftlich vorangetriebene „Dekonstruktion“ auszeichnen würde[1], während die Moderne nach der Aufklärung primär „durch die Säkularisierung des Christentums“ bestimmt sei.[2] Spannend an seinem Vergleich ist nun die Feststellung in Bezug auf Russland, dass gerade wegen der postmodernen Entgleisung im Sowjetkommunismus stalinistischer Prägung, der sich durch Zurückweisung der Kirche und einem heftigen Materialismus (etwa durch radikale Abtreibung von Geburten) auszeichnete, nun eine Art erneuerte Moderne entwickelt, bei der Kollektivgedanken in religiöser, historischer und kultureller Hinsicht eine neue nationale Identität begründen sollen.[3]

Ursächlich dafür sei, „dass die postmodernen Werte dort [in Russland; d. V.] auch deshalb weitgehend abgelehnt werden, weil sie viele Russen an die durch die Sowjetmacht von oben erzwungene Modernisierung erinnern. Denn wie bereits erwähnt, hatte lange vor der postmodernen Bewegung bereits die Sowjetunion den säkularen Kompromiss aufgekündigt. […] Der Schwerpunkt, den die russische Kulturpolitik heute auf die Bewahrung der eigenen nationalen Traditionen legt, stellt eine Gegenreaktion auf diese historische Erfahrung dar.“[4]

In dem lesenswerten Werk Goldgrund Eurasien (Dimitrios Kisoudis) wird die These aufgestellt, dass sich ein neuer Systemgegensatz zwischen Russland und dem Westen aufgetan hat. Dieser wird dadurch zugespitzt, dass Putins Staat von einem „autoritären Liberalismus“ geprägt sei, während der Westen sich immer stärker einem „postmodernen Goldsozialismus“ verschreibt.[5] Thomas Fasbender geht in eine ähnliche Richtung und fragt danach, ob Russland heute ein „populistisch-autoritärer Kapitalismus“[6] auszeichnet. Der Gegensatz spielt darauf an, dass unter ökonomischen und finanzpolitischen Gesichtspunkten der Westen zunehmend die eigenen Ökonomien durch Geldschaffung aufrechterhält, während in Russland unter der Bedingung einer patriotisch gesinnten Grundhaltung eine freie Wirtschaft agiert. Diese Lagebeschreibung einer sichtbar werdenden Gegensätzlichkeit ist auch durch eine kriegsorientierte Geopolitik zu beobachten, in der die USA das Zentrum sind und die von einer destruktiv wirkenden Elite getragen wird.[7]

Im Folgenden sollen zum Teil subjektive Gedanken, zum Teil Lektüreeindrücke zu diesem kulturellen Gegensatz geäußert werden: Bei einer Städteführung in Russland kam ich während einer beeindruckenden Besichtigung orthodoxer Ikonographie ins Gespräch mit dem russischen Reiseführer. Meiner Frage, inwieweit die russische Gesellschaft sich christlich-orthodox revitalisiert hat, entgegnete er skeptisch, dass zwar offiziell die Kirche wieder stark verankert sei, ein ernster Glaube aber bei einer schwer zu nennenden einstelligen Zahl auszumachen sei. Das ist im europäischen Vergleich kaum verwunderlich, so steht es um unsere Glaubenstiefe nicht besser. Wichtiger als diese Momentaufnahme erscheint jedoch die Anschlussfrage, ob ein christlich geschärftes Bewusstsein der russischen Gesellschaft – wie es unter Umständen der russisch-orthodoxen Kirche zuzutrauen ist – eine Alternative zu Alkoholismus und Individualismus für abgehängte Schichten bilden kann.

In der deutschen Wochenzeitung Die Zeit erschien kürzlich ein lesenswerter Leitartikel von Bernd Ullrich. Darin beschreibt der Autor die allgemeine Stimmungslage bei führenden Politikern im Berliner Establishment mit den Worten: „Zurzeit besteht die Politik in Deutschland und in Europa vor allem darin, die Wirklichkeit zu verdrängen und zu beschönigen.“[8] Im weiteren Verlauf des Artikels wird dies vor allem daran veranschaulicht, dass die vom Siegeszug universalistischer Werte beflügelte Gedankenwelt westlicher Politiker zunehmend Risse bekommt. Sowohl die westlichen Gesellschaften verlieren an Stabilität als auch die internationale Arena hat mit den derzeitigen Konflikten eine ganz neue Dynamik erfahren. Die Russlandfrage sei gerade für die deutsche Gesellschaft voller Anspannung: „Seit einem Jahr spalten Diskussionen […] nun Familien und Freundeskreise, Kollegien und Literaturzirkel.“[9] Und auch die politische Elite unseres Landes muss zunehmend Schlucken, wenn ein Blick auf die politischen Systeme nach Frankreich, Griechenland, Ungarn oder auf die Tragödien im Mittelmeer, Syrien oder der Ukraine gewagt wird.

Was sagt uns das über Russland? Die politischen Eliten dort sind wach genug, um genau diese Lage zu erkennen. Ein sogenannter Weltanschauungskampf wird in diesem Sinne zunehmend in Angriff genommen, während die liberalen Anknüpfungspunkte in der russischen Elite sich dabei zuletzt marginalisierten. In Fasbenders Freiheit statt Demokratie werden dazu folgende Stichwörter geliefert. So zum Beispiel eine von Putin an Solschenizyn orientierte Politik, was durch Patriotismus, Staatsdenken und Ablehnung des westlich-liberalen Gesellschafts- und Geschichtsmodells äußert.[10] Zudem ist immer offensichtlicher, dass Russland ernste Kontakte zur politischen Rechten in Europa knüpft.[11]

Kritiker mögen einwenden, dass trotz mancher wohlklingender Rhetorik (siehe Putin unten) keine echten Ergebnisse erzielt würden. Doch lassen Blicke in die russischen Debatten und demographischen Statistiken tatsächlich von einer seit einigen Jahren andauernden Trendumkehr sprechen. Einzig die Nostalgie im Kontext der eigenen Vergangenheit mag weiterhin gerade im näheren Ausland weiter konfliktträchtig sein, wobei aber zugleich zwischen historischem Erbe und ideologischer Realität unterschieden werden muss.[12]

Ein weiterer Kritikpunkt von Seiten der Skeptiker ist die Gefahr einer Islamisierung in Russland. Hierzu gibt es durchaus reale Tendenzen, die sich vor allem in Metropolen und im Süden der Föderation aufzeigen lassen. Allerdings kann (dennoch) ebenso hier relativiert werden. Denn Russlands Handeln gegenüber einem radikalen Islam und die Verbindung zur orthodoxen Kirche treffen auf eine Art Staatsnationalismus[13], der deutlich besser Assimilierungen und kollektive Identifizierungen zulässt, als dies in westlichen Gesellschaft heute auch nur zu erträumen wäre.

Die der CDU nahestehende Autorin Sonja Margolina warnt vor einem Kampf der Werte auch in unseren Breiten: „Der Wertetransfer kann sich auch gegen seine ursprüngliche Intention wenden und in entgegengesetzter Richtung stattfinden. Noch vor Kurzem durfte man glauben, dass die Räume für außerhalb von Europa verwurzelte Werte innerhalb der EU hauptsächlich durch islamische Parallelgesellschaften besetzt werden.“[14] Betrachten wir Grundzüge zumindest nach außen gepredigter politischer Vorhaben, dann ist durchaus zu sehen, dass ein Problembewusstsein für gesellschaftliche Entwicklungen und die „Soft Power“ des Westens in der russischen Elite existiert.

Beispielhaft wird dies in einer Putin-Rede vor dem Valdai Forum. Hier setzt der russische Präsident einen Gegensatz zwischen atlantisch orientierten Ländern Europas und sich selbst: „We can see how many of the Euro-Atlantic countries are actually rejecting their roots, […] They are denying moral principles and all traditional identities: national, cultural, religious and even sexual.“[15] Und an einer weiteren Stelle benennt er die Bedeutung einer nationalen Identität für Russland: „[…] the question of finding and strengthening national identity really is fundamental for Russia.“[16] Stellvertretend für die herrschende Elite kann man an diesen Ausführungen Putins sehen, dass hier ein Bewusstsein für die allgemeine Identitätskrise der Welt vorherrscht. Was als Motiv für diese Denkweise steht, bleibt dabei schwieriger zu bestimmen. Denkbar sind besitzstandswahrende, staatspatriotische oder auch ideelle Gründe, wobei sicher unterschiedliche Gewichtungen bei einzelnen Akteuren zu beobachten sind. Ein von im Westen gerne vorgebrachter Vorwurf eines neuen Nationalismus mit radikaler Exklusion ist jedoch aufgrund folgender Ausführung nicht zu erwarten: („)„Nationalists must remember that by calling into question our multi-ethnic character […] means that we are starting to destroy our genetic code. In effect, we will begin to destroy ourselves.“[17]

Die Krim-Krise und ihr Anschluss an die Föderation haben bis dato vieles gezeigt, nur keine Schwächung der politischen Elite. Natürlich ist die patriotisch-nationale Aufblähung der Heimkehr russischer Erde kein Garant für das Ausbleiben einer andauernden und tiefgreifenden ökonomischen Auszehrung der Bevölkerung. Doch muss hierbei ständig bedacht werden, dass – trotz aller Missstände und Probleme im Land – der Kurs unter Putin in breiten Kreisen mit Stabilität, ökonomischer Besserung und Führungsstärke verbunden wird, indes auch die russische Leidensfähigkeit historisch bekannt ist. Dass diese Lage dennoch fragil ist, beschreibt Fasbender mit einem für ihn bezeichnenden Charakteristikum der Situation: „Der Mangel an gegenseitigem Vertrauen ist ein chronisches Leiden der russischen Gesellschaft. Wie soll da ein großes Ganzes entstehen, wenn die Teile voneinander nur Schlechtes erwarten?“[18] Und auch die Gewalt zwischen und von Russen ausgehend ist für jeden ersichtlich, der einmal in den Plattenbauten Osteuropas mit größeren russischen Minderheiten zu tun hatte.

Russland ist ein Akteur auf der Weltbühne mit dem weiter zu rechnen sein wird. Die vom Westen forcierte Isolation ist bis heute nur bedingt gelungen. Denn selbst in der EU gibt es weiterhin Staaten, etwa Griechenland und Ungarn, die sich kulturell und politisch durchaus mit Moskau verbunden fühlen. Auch verschiedene politische Kräfte in der Türkei werfen positive Blicke nach Nordosten. Und zuletzt zeigte sich der Papst bemüht, Russland weiterhin als wichtigen Partner bei Fragen des islamischen Terrors zu sehen und kein weiteres Abgleiten in einen neuen Kalten Krieg zu fördern.[19]

Denkt man an den Beginn von Johannes Brahms verwendeten Bibelvers(e) in seinem Deutschen Requiem, so wissen wir, dass „Selig sind, die da Leid ertragen, denn sie sollen getröstet werden.“[20] Das christliche Erbe ist Teil deutscher Identität, unsere Generation sollte es ebenso einordnen, wie die Russen ihre Orthodoxie – nach den theologischen Konflikten der Sowjetzeit – zumindest offiziell wiederentdeckten.

Soweit zu ersten Eindrücken eines von der russischen Situation beeindruckten identitären Aktivisten. Zuletzt noch ein weiteres Zitat Putins, in dem die Bedeutung von Identität bei einer eurasischen Integration zur Stärkung eines neuen Schwerpunkts (Pols) auf der Welt beschrieben ist:

(„)„The Eurasian Union is a project for maintaining the identity of nations in the historical Eurasian space in a new century and in a new world. Eurasian integration is a chance for the entire post-Soviet space to become an independent center for global development(,) rather than remaining on the outskirts of Europe and Asia. […] This is a union where everyone maintains their identity, their distinctive character and their political independence. Together with our partners(,) we will gradually implement this project(,) step by step. We expect that it will become our common input into maintaining diversity and a stable global development.“[21]

Russland zu verstehen und einzuschätzen sollte eine Aufgabe für jede politische Kraft sein, die sich vornimmt in Europa einen identitären Weg zu gehen. Es geht nicht darum, sich anbiedernd hinter Putin oder Russland zu stellen. Stattdessen ist es nötig, vor dem Hintergrund der eigenen Lage, die russischen Motive zu studieren und dann daraus Rückschlüsse auf die geopolitische Lage insgesamt sowie auf die Gefühle osteuropäischer Gesellschaften zu ziehen. Weitere Lektüre und Analyse wird folgen.

 

[1] Hauke Ritz: Besitzt der gegenwärtige Konflikt mit Russland eine kulturelle Dimension?, in: Ost Magazin (3/2014), S. 4.

[2] Hauke Ritz: Ebenda, S. 2f.

[3] Vgl. Ebenda, S. 7f.

[4] Ebenda, S. 9.

[5] Vgl. Dimitrios Kisoudis: Goldgrund Eurasien, Edition Sonderwege 2015, S. 97.

[6] Thomas Fasbender: Freiheit statt Demokratie, Waltrop und Leipzig 2014, S. 89.

[7] Vgl. Kisoudis: Ebenda, S. 97ff.

[8] Bernd Ullrich: Warum sagen sie nicht, was ist?, in: Die Zeit vom 29. April 2015, S. 1f.

[9] Ebenda.

[10] Vgl. Fasbender: Freiheit statt Demokratie, S. 319f.

[11] Vgl. Ebenda, S. 330f.

[12] Vgl. Ebenda, S. 332f.

[13] Zur Semantik von Ethnizität, Nationalismus und Patriotismus in der russischen Sprache werden von Fasbender interessante Unterscheidungen zur deutschen Sprache gemacht, vgl. Fasbender: Ebenda, S. 334f.

[14] Sonja Margolina: Konfrontation auch ohne Eisernen Vorhang, in: Die Politische Meinung (528/2014), S. 66.

[15] Wladimir Putin: Rede auf dem Treffen des „Valdaj International Discussion Club“, 19.09.13, http://eng.kremlin.ru/transcripts/6007, zuletzt abgerufen am 08.06.15.

[16] Putin: Ebenda.

[17] Putin: Ebenda.

[18] Fasbender: Ebenda, S. 91.

[19] Kein Verfasser: „Corriere della Sera“ – USA entsetzt über positive Haltung des Vatikans zu Putin, http://de.sputniknews.com/politik/20150609/302701986.html#ixzz3cZssd0Lu, zuletzt abgerufen am 10.06.15.

[20] Johannes Brahms: Deutsches Requiem, https://www.youtube.com/watch?v=LydPLNdob1c, zuletzt abgerufen am: 10.06.15.

[21] Wladimir Putin: Putin talks Ukraine, NATO, Crimea at Q&A with Russian youth, in: Russia Today vom 29.08.14, https://www.youtube.com/watch?v=P0stuDpk318, zuletzt abgerufen am 11.06.15.