baroque-117002_1280Religiöse und kulturerneuernde Fragen nahmen in rechtskonservativen und identitären Kreisen bisher eine eher sekundäre Rolle ein. Oftmals erschöpfte sich dies in einer Generalkritik am nihilisitischen und hedonistischen Selbstzerstörungswahn der europäischen Völker. An einer Neubegründung dessen, was die Völker Europas aus diesem kulturellen Dämmerschlaf Neues schaffen könnten und was man dieser suizidalen Selbstzerstörung und Selbstvergessenheit entgegenzusetzen hat, flüchtet man sich noch allzu häufig in reaktionäre Muster, die den Schlüssel in rein bewahrenden Werten sehen, die dann aber meist eine stark folkloristische Färbung annehmen. Die Symbiose zwischen den zeitlichen Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erschöpft sich in vielen Kreisen in einer beschränkten und nostalgischen Bezugnahme aufs Vergangene.

Spätestens mit dem neuen Buch von Martin Lichtmesz „Kann nur ein Gott uns retten?“ aus dem Hause Antaios tritt die Problematik von Religion und Identität wieder auf eine bedeutsame Agenda innerhalb des eigenen Milieus. Das ist durchaus verständlich. So bewegt sich das Religiöse und Transzendente meist außerhalb tagespolitischer Sphären. Die religiöse Frage war sicherlich nie vollständig aus den Debatten verschwunden, doch ihre Priorität schwankte von Zeit zu Zeit. Um in der hochfrequenten Tagespolitik weiterhin als nonkonformer Akteur wahrgenommen zu werden, muss man auf diese Schnelligkeit der Zeit reagieren und Themen bedienen, die dem Aufmerksamkeitsradius der Massen gerecht werden. Doch gerade auch im Zuge der Debatte rund um die PEGIDA Bewegung, die eine Verteidigung des Abendlandes mit seiner „christlich-jüdischen“ Identität gegen die Islamisierung einfordert, ist es geboten, ein paar Gedanken zum Stand und zur Revitalisierung der religiösen Identität Europas zu äußern. Ob der Faktor Religion und seine Kopplung an das kulturelle Gedächtnis ein erneuernder Faktor sein kann, soll im Nachfolgenden mit einigen Gedanken bedacht werden. Es geht hierbei weniger um eine Bestimmung, welche konkrete Religion nun diese Erneuerung schafft und ebenfalls weniger um den „Masterplan“, der konkrete Schritte vorzeichnet. Vielmehr soll es auch als eine Kritik an den bisherigen Versuchen innerhalb des rechten/patriotischen Lagers im Umgang mit den Themen Religion und Kulturerneuerung verstanden werden.

Religion, Transzendenz, Kultur und Metaphysik haben im heutigen Zeitgeist einen schweren Stand. Wer gegenwärtig noch mit Disziplin und Ernsthaftigkeit einem religiösen Glauben nachgeht, wird meist belächelt und kann sich des Spottes vermeintlich erhabener Atheisten gewiss sein. Teils mit arrogantem und besserwisserischem Habitus glauben sie, dass das Leben umso mehr Qualität bieten würde, sofern man sich aus dem Gefängnis eines religiösen/transzendenten Glaubens befreit hat. Mit Unverständnis und Aggressivität reagieren sie auf Menschen, für die die Religion noch immer eine zentrale Komponente des Daseins erfüllt. Anhand dieser Reflex- und Reaktionsmuster auf das „Religiöse“ sieht man, dass die weitgehend entsakralisierte und atheistische Moderne die gleiche dogmatische und fundamentalistische Struktur aufweist, die sie vorgibt, innerhalb der Religion zu bekämpfen. Mit einer aggressiven Agenda wird der Kampf gegen das „Überholte“ aufgenommen, welches den totalen und absoluten Emanzipationsprozessen im Wege steht.

Die Frage, die heute in den postmodernen Debatten aufkommt, dreht sich im Kern darum, ob die Religion heute noch notwendig, oder nur ein überflüssiger Rest des voraufklärerischen Alters ist, der die Epochen überlebt hat. Es soll hierbei gar nicht darum gehen, für eine bestimmte Glaubensrichtung zu plädieren oder eine vollkommen neue Religion zu schaffen, die synergetischen Charakter zu den beiden vermutlich bekanntesten Religionen des Abendlandes Christentum und Heidentum aufweist. Erstere dürfte gewiss noch am präsentesten sein und innerhalb der europäischen Gesellschaften eine nicht unerhebliche Rolle einnehmen. Doch die destruktiven Tendenzen des Liberalismus sind auch am Christentum nicht spurlos vorbeigegangen. Durch den teilweise anthropozentrischen, monotheistischen und auch universalistischen Kern gibt es gar Theorien, die dem Christentum eine ganz eigene Rolle im gesamten universalistischen Theorien-Komplex zuweisen und dass dieses zu seiner eigenen Selbstabschaffung beiträgt, die im eigenen grundlegenden, religiösen Selbstverständnis schon angelegt sei. Die Festlegung auf eine bestimmte Religion würde auch das komplexe Problem unberücksichtigt lassen, dass wir uns mit dem Liberalismus einem Gegner gegenübersehen, der jeglichen transzendenten Mythos, überweltlichen Lebenssinn und religiöse Bindung unter dem Primat eines vollends rationalen weltlichen Erdparadieses einebnen will. Die Entsakaralisierung wird somit zum eigendynamischen und strukturellen Prozess, die sich nicht auf vereinzelte Glaubensrichtungen beschränkt.

Der Irrtum, dem viele Kreise des patriotisch/konservativen Lagers anheimfallen liegt darin begründet, dass Religion eben kein funktionalistisches System ist, welches sich mittels institutioneller oder technokratischer Maßnahmen reaktivieren lässt. Dies verkennt die Größendimension und Wirkmächtigkeit des modernen Nihilismus und den aktuellen Zustand in dem wir uns bereits befinden. Wie es kürzlich schon in einem Beitrag auf dem Blog der „Sezession im Netz“ erwähnt wurde ist dieses kulturelle Dahinsiechen unserer Völker nicht mehr in deutenden Kategorien zu fassen, die uns bspw. über eine Kulturmorphologie eines Oswald Spenglers oder dem „letztem Menschen“ von Nietzsche zur Verfügung stehen. Es kann lediglich eine charakterliche Deutung oder bestimmte Zyklen beschreiben, die aber inzwischen bereits außerhalb menschlich fassbarer Sphären liegen. Weder asketische Übung noch die Bezugnahme zu historischen Analogien können die kulturelle Todesspirale vermutlich aufhalten. Wir sind mit einer absoluten Außergewöhnlichkeit der Geschichte konfrontiert.

Der identitäre Aktivist Martin Sellner beschreibt den heutigen Zustand sinngemäß als einen Suizid der mit einer freudigen und genussvollen Akribie vollzogen wird. Der Verfall, das Destruktive und das Hässliche werden rein künstlich ästhetisiert und frei nach dem nihilistischen Credo zu den neuen Gültigkeitswerten der liberalen Gesellschaft erklärt.

Sonnenwendfeiern, sonntägliche Kirchengänge und das Lesen der Bibel, können die geistige und spirituelle Sphäre des Religiösen noch lange nicht vollumfänglich abdecken, wie es für eine kulturelle Revitalisierung erforderlich wäre. Diese Art vermeintlicher transzendenter Erweckung ist das gleiche liberale Muster welches von einer uneingeschränkten Machbarkeit und Konstruierbarkeit aller menschlichen und sozialen Interaktionen ausgeht. Das Gleiche gilt übrigens ebenso für die Wiedererweckung und Neuergründung unseres kulturellen Seins. Das Seelenlose und Unauthentische ohne konkrete Bezugspunkte zu einer sinnerfassenden Daseinsstruktur in allen Lebensäußerungen ist die umfassende Macht des Liberalismus, der selbst seine Widersacher oftmals anheimfallen. Es ist eine Eigendynamik die alle Reste traditioneller Ordnung, transzendenter Bindungen in sich absorbiert und in ein Narrativ presst, welches unaufhaltsam auf den Zustand des „Endes der Geschichte“ und der globalen Vereinheitlichung zusteuert.

Ein Zitat aus einem Gespräch zwischen zwei Intellektuellen der französischen Rechten, Eric Zemmour und Alain de Benoist, gibt Aufschluss über den fortgeschrittenen Zustand des Liberalismus in seiner destruktiven Zersetzungskraft.

„Solange es noch Spuren der alten Welt gab, also das Gefühl der Ehre, der guten Arbeit, der Familie, den Respekt für die Alten, die Rollenverteilung in der Familie zwischen Mann und Frau, all diese Dinge die noch aus dem vorindustriellen Zeitalter stammen, standen dem emanzipatorischen Individualismus Barrieren im Weg. Er war emanzipatorisch, gerade weil er ein Gegengewicht hatte. Ab 1968 kippt das: Es gibt kein Gegengewicht mehr. Die alte Welt ist endgültig tot.“ (Zemmour)

Mit der „alten Welt“ ist natürlich auch die Religion als zentrales Beziehungsgefüge und überweltliche Bindungskomponente fort gegangen. Hier hat sich eine weitere Flanke in der Tradition geöffnet, an der die kulturelle Vernichtung unaufhörlich voranschreitet.

Was ist nun die schlussendliche Erkenntnis aus der Analyse, dass weder reaktionäre und folkloristische Praxis, als aber auch rein funktionale Wiederbelebungsversuche scheitern und teilweise selbst nihilistischen Charakter aufweisen? Ist es die Hoffnung auf ein großes Ereignis? Eine Krise?

Unabhängig von einem oberflächlichen „Tag- X“- Denken ist es vermutlich genau das was uns tagtäglich aufs Neue antreibt und motiviert, an diesem kulturellen Erneuerungsprozess mitzuwirken. Ein historischer Ausnahmezustand der vermutlich auch außergewöhnliche Lösungen und Wendungen zeitigen wird.

Mit der identitären Idee steht uns ein wirksames Instrument zur Verfügung, womit sich diese destruktiven Entwicklungen und dieser Zustand der Selbstvergessenheit sezieren und seine elementaren Fundamente aufdecken lassen. Es ist unser geschichtlicher Auftrag diese Kritik und diese Analysen fortzusetzen und damit die Grundbasis einer kulturellen Revitalisierung zu schaffen.