rechts-linksVorliegend veröffentlichen wir einen Gastbeitrag, der eine Gegenposition zum kürzlichen Artikel „Das links-rechts Koordinantensystem darstellt. 

Mir geht es an dieser Stelle nicht darum zu belegen, inwiefern die IB links ist (da könnte man z.B. die Strategie der Metapolitik des italienischen Marxisten Antonio Gramsci anführen) oder was sie umgekehrt nicht rechts macht. Denn eines der Schlagworte unter dem wir im Herbst 2012 angetreten sind, lautete „Nicht links, nicht rechts – identitär“ und eben nicht „Links und rechts – identitär“. Die Lehren aus Querfront-Projekten haben wir alle entweder persönlich oder rein beobachtend gezogen. Der IB geht es nicht um eine Synthese (oder gar der Schaffung eines Synkretismus) der verschiedenen antiliberalen Ideen, sondern um die Überwindung des „Links-Rechts-Schemas“ zur Beschreibung politischer Ideen und die Herausbildung einer völlig neuen Weltanschauung unter dem Banner „identitär“.

Links und rechts als veraltete Beschreibungen

Werfen wir einen Blick in die Geschichte dieser beiden Begriffe: Sie kommen erstmals im Rahmen der Französischen Revolution auf. Bei der Bildung der ersten französischen Nationalversammlung am 9. Juli 1789 sitzen die Parlamentsabgeordneten ebenso wie wir es heute noch kennen in Fraktionen und Gruppierungen zusammen; damals, grob gesagt, nach ihrer Haltung zu Monarchie und Demokratie. Die Königstreuen saßen zur Rechten, daneben die Anhänger einer konstitutionellen Monarchie usw. usf. bis ganz nach links zu den egalitären Demokraten und Frühsozialisten. Oder ganz simpel: Reaktionäre – rechts und Revolutionäre – links.

Mit der Zeit geschah eine immer weiterreichende Aufweichung dieser Begrifflichkeiten. So ist der revolutionäre Gedanke längst nichts mehr exklusives Metier der Linken. Ein weiteres gutes Beispiel ist die Forderung nach direkter Demokratie: im revolutionären Frankreich noch eine linksradikale Position, wird diese heutzutage eher mit der politischen Rechten assoziiert.

Man mag nun anführen, dass das nun alles noch nicht das Links-Rechts-Schema obsolet erklärt, sondern lediglich dass die Definitionen zeit- und umstandsbedingt sind.

Dennoch ist es einleuchtend, dass spätestens mit dem Aufkommen von Phänomenen wie dem Faschismus oder Nationalbolschewismus, die sich nicht nur in der Selbstbeschreibung jeder Links-Rechts-Zuschreibung entziehen, diese Begrifflichkeiten in der Moderne endgültig ihre Legitimation verloren haben: „Né rossi, né neri, solo liberi pensieri!“ („Nicht rot [kommunistisch / „links“], nicht schwarz [faschistisch / „rechts“], freie Gedanken!“)
Sie dienen nur noch als polemische Kampfbegriffe, um etwa den politischen Gegner zu diskreditieren, was z.B. zu der ulkigen Schlussfolgerung von „rechts“liberaler / libertärer Seite führt, dass der Nationalsozialismus eine linke Ideologie sei.

Das lässt sich freilich auch umkehren.

Alain de Benoist, einer der wichtigsten französischen Vertreter der Nouvelle Droite („Neue Rechte“), schreibt

Ich nenne hier – aus reiner Konvention – die Haltung rechts, die darin besteht, die Vielgestaltigkeit der Welt und folglich die relativen Ungleichheiten, die ihr notwendiges Ergebnis sind, als ein Gut und die fortschreitende Vereinheitlichung der Welt, die durch den Diskurs der egalitären Ideologie der seit zweitausend Jahren gepredigt und verwirklicht wird, als ein Übel anzusehen.“1

Der Einschub „aus reiner Konvention“ ist hier für uns die Schlüsselstelle, denn er schreibt weiter:
Ich sehe rechts wie links Ideen, die dem entsprechen, was ich denke…Die Wörter sind schließlich nicht die Dinge selbst.“2

„Vaterlandslose Gesellen“-

war im Kaiserreich ein oft gebrauchter Vorwurf gegen Sozialdemokraten und Kommunisten von konservativer bzw. Regierungsseite. Angesichts der Nichtbewilligung der Kriegskredite für den 1. Weltkrieg mag diese Bezeichnung manchem gerechtfertigt erscheinen. Man muss aber auch die Motivation dahinter im Auge behalten: Keineswegs verbargen sich hinter den sozialdemokratischen Parteiführern bewusste (!), antideutsche Landesverräter. Ihre durchaus hinterfragbare Haltung rührte von ihrer pazifistischen Grundhaltung her.

Blicken wir noch einen Schritt weiter zurück in die deutsche Geschichte, war die Sozialdemokratie gar ein nicht unwesentlicher Teilnehmer an der nationalistischen Revolution von 1848. Das gilt grundsätzlich für die Arbeiterbewegung dieser Zeit, bis hin zu den Kommunisten:

„Solange die Zersplitterung unseres Vaterlandes herrscht, solange sind wir politisch Null. Wir wollen heimjagen, woher sie gekommen sind, alle die verrückten, ausländischen Gebräuche und Moden, alle die überflüssigen Fremdwörter. Wir wollen aufhören, die Narren der Fremden zu sein und zusammenhalten zu einem einzigen, unteilbaren, starken, freien deutschen Volke.“3

Ein Denkmal in der Ruhrgebietsstadt Recklinghausen zu Ehren eines Soldaten der Roten Ruhrarmee zierte bis zu einem nationalsozialistischen Bildersturm den Spruch „Er wollte Sohn seines Volkes sein.“. Was wenn nicht patriotische Gesinnung spricht aus dieser Widmung für den gefallenen Spartakisten?

Auch das Zitat des KPD-Führers und überzeugten Internationalisten Ernst Thälmann dürfte jedem bekannt sein:

Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk; und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation. Eine ritterliche, stolze und harte Nation. […] Ich bin Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische der deutschen Arbeiter und bin deshalb als ihr revolutionäres Kind später ihr revolutionärer Führer geworden.“ 4

Selbst in der teilweise zurecht verurteilten 68er-Bewegung findet sich dieser Geist. Bernd Rabehls posthume Stilisierung seines Freundes und SDS-Kampfgefährten Rudi Dutschke zum antiimperialistischen Befreiuungsnationalisten ist keineswegs unbegründet.

Der sehr ausgeprägte Patriotismus in der DDR und das immerwährende Bekenntnis seitens dieses Staates zur deutschen Wiedervereinigung (im Gegensatz zur Bundesrepublik) kann man nun als propagandistischen Schachzug und ostblockinternen Standortpatriotismus werten. Letzten Endes fällt die Bewertung dessen aufgrund des geradezu kafkaesken Überwachungs- und Propagandaapparats schwierig und muss schwammig bleiben. Die im Osten Deutschlands verhältnismäßig starke PEGIDA-Bewegung kommt aber sicher nicht von ungefähr.
Das sind alles nur Indizien, die aber ein nicht zu verleugnendes Gesamtbild ergeben. Die „Verteidigung des Eigenen“, Patriotismus etc. haben auch bei Linken Tradition. Das ist auch nicht ausschließlich historisch, wie man vielleicht angesichts der heutigen desolaten Lage dieses politischen Lagers Denken mag. Wenn man heutzutage in linken Kreisen abseits der zum innerlinken Mainstream gewordenen Antideutschen verkehrt, wird man immer noch auf diese Haltung stoßen. Besonders deutlich wird das in Ländern, die aus historischen Gründen nicht so eine schwierige und teils neurotische Vergangenheitsbewältigung aufweisen.

Das soll jetzt alles andere als ein Plädoyer sein, Kommunist zu werden, aber damit wären wir beim eigentlichen Knackpunkt:

Unsere Anliegen und Vorstellungen sprengen nicht nur das gängige Links-Rechts-Schema, sie waren für vermeintlich Rechte wie Linke aller Epochen Selbstverständlichkeiten.

Und das ist, wie wir gesehen haben, keine bloß strategisch gewählte Floskel zur öffentlichkeitswirksamen Abgrenzung vom rechten Lager, sondern durchaus ernst gemeint.

Also: A Noi!
1 Kulturrevolution von rechts, S. 14

2 ebd. S. 27

3 Friedrich Engels, 1840 in einer Rede an die Arbeiterschaft

4 Antwort auf Briefe eines Kerkergenossen, S. 73.