l29344-fotografie_objekte_stilleben-alte_uhrDeutschland im Januar 2015. Die Stimmung ist schwer zu beschreiben. Vieles wandelt sich, anderes erscheint eingespielt zu sein. Klar und deutlich ist zu sehen, wie sich eine politisch-mediale Klasse erneut den Titel des Moralapostels gibt. Stellvertretend nennen wir hier Joachim Gauck[1] und Anja Reschke[2].

Der Bundespräsident ermahnt die Öffentlichkeit eindringlich in diesen Tagen: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“. Gauck fordert uns als Identitäre damit indirekt auf zu Antworten. Wir müssen ihm und den vielen anderen seiner politischen Weggefährten, seinen Redenschreibern, seinen Wählern in der Bundesversammlung und auch seiner Kanzlerin entgegenrufen, was da in den Raum gestellt wird. Wir fühlen uns von seinen Verdammungsurteilen nicht angesprochen. Doch wir fragen mutig nach dem großen Zusammenhang. Es ist die natürliche Skepsis einer jungen Generation, die neue Antworten auf das finden muss, was unsere Großelterngeneration nicht verhindern konnte und was die Herrschenden bis heute nicht verarbeitet haben.

Was sagt also der schreckliche Teil der deutschen Geschichte heute aus? Dies ist wohl kaum in einem kleinen Aufsatz zu beantworten. Wir sollten dennoch versuchen es zu fassen. Schon Frank Lisson beschrieb dieses so unglaublich nachwirkende Phänomen mit den Worten: „Der Nationalsozialismus scheint uns heute vor allem deshalb so grotesk, wahnwitzig und unverständlich, weil es ihm gelungen war, in der Schlußphase der großen spätabendländischen Tendenz noch einmal alle verborgenen, bereits im Absterben begriffenen Kräfte aus ihr herauszuholen und sie mit sagenhafter Wucht der Welt entgegenzuschleudern.“[3] Lisson will hier nicht verklären, er beschreibt viel mehr das Staunen über die Katastrophe aus unserer postmodernen Perspektive heraus.

Die Notwendigkeit von Geschichte für die Zukunft ist vielen jungen Menschen klar. Denn nur, wer weiß, wo er herkommt und dadurch eine natürliche Einhegung gegenüber der heutigen Entwurzelung erfährt, kann neues erschaffen. Das wird deutlich, wenn zu beobachten ist, wie viele Menschen in der Familiengeschichte aufgehen und fortschreiten, sich für Tradition begeistern und vor allem die Strahlungen des Vertrauten genießen. Uns Deutschen gelingt dies jedoch immer weniger, wenn es darum das Eigene insgesamt im Sinne von Nation und Europa hochzuhalten. Wir leben seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Sonderrolle, die sich nicht zuletzt in der von Angela Merkel benannten Staatsräson der Bundesrepublik widerspiegelt. Diese Sonderrolle hat eine bestimmte Berechtigung. Aber sie billigt nicht die elitäre Entsagung, der deutschen Geschichte den Weg der historischen Verarbeitung (Historisierung) zu verweigern.

Und genau hier liegt das Problem. Das deutsche Staatsoberhaupt dieser Tage ist nicht in der Lage die Interessen seines Volkes mit der spezifischen Geschichte in Einklang zu bringen. Er ist überfordert, den notwendigen Schritt in die Zukunft zu gehen. Also eine Versöhnung über Verarbeitung zu erreichen, was im Grunde heißt endlich zum Arzt zu gehen und eine Gruppentherapie aufzunehmen. Gauck bekennt dieses Unvermögen offener als er das wahrscheinlich selbst wahrnimmt, wenn er sagt: „Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz zur Ruhe zu bringen.“ Schon dieser Satz ist furchtbar vielsagend. Denn er impliziert, dass es im allgemeinen Bewusstsein und damit in der öffentlichen Auseinandersetzung eigentlich keine wirklich „überzeugende Deutung“ geben würde. Was ist das für ein Zustand wo die Instrumentalisierung des Schreckens vor der Erklärung und Verarbeitung steht. Das Hinterfragen der Eskalation, der Entmenschlichung von Menschen und die Deutung von größeren Zusammenhängen ist der erste Schritt in eine Zukunft.

Schon Nietzsche hat von der dem Leben dienenden Historie gesprochen.[4] Das ist auch auf Auschwitz und sein Grauen anzuwenden. Wenn wir kritisch mit der gängigen Historie umgehen, dann tun wir dies nicht, um Dinge als „Lüge“ zu bezeichnen, obwohl sie eindeutig evident sind. Stattdessen wollen wir bewusst vorausdenken für ein Zusammenleben der Völker und dienen dem Frieden in einer vielfältigen Welt. Die Deutung der Ereignisse ist naturgemäß interessengeleitet und subjektiv. Die Emotionen der Opfer sind in jeder Hinsicht zu respektieren und legitim. Aber dies ist kein Grund einer andauernden Kollektivschuld anzuhängen und das Geschehene mit legitimen Forderungen der PEGIDA in einen Topf zu werfen.[5]In Ihrem Kommentar hat Reschke dies in erschreckender Weise vollzogen: „PEGIDA Demonstranten in Dresden, die sich aufregen über die vielen Ausländer in Deutschland. Ganz ehrlich: Da ist mir dann wirklich schlecht geworden.“ Wer so redet, der zerwirft mit großen Steinen demokratisches Porzellan und sät Zwietracht.

Laut Reschkes Kommentar haben „58%“ der Deutschen das Bedürfnis „einen Schlussstrich ziehen“ zu wollen. Das ist eine beeindruckende Zahl. Es zeugt davon, wie dramatisch ein Bewusstsein für die Vergangenheit entsteht. Nur die Interpretation dieser breiten Meinung, ist völlig fehlgeleitet. Denn was heißt hier „Schlussstrich“? Soll dadurch ein umfangreiches Leugnungsprogramm aufgesetzt werden? Besteht der Sinn dahinter die Lehrpläne zukünftig ohne die Geschichte der NS-Herrschaft zu gestalten? All das wäre völlig irre und ist schlicht nicht zu befürchten. Ein Schlussstrich muss so gesetzt werden, dass er die Instrumentalisierung der Opfer verhindert und ein respektvoller und würdiger Umgang mit den Opfern ermöglicht wird. Mit dem Zusammensetzen von Dingen, die verschieden sind, wird dagegen nichts erreicht werden, außer die Entfremdung zu den Menschen. Frau Reschke ist beispielhaft in dieser fehlegeleiteten Taktik. Sie benutzt historischen Antisemitismus in seiner schrecklichen Form als Waffe gegen Andersdenkende.[6]

Denn die kollektive Erinnerung ist allgegenwärtig. Hitlers reale Politik wirkt andauernd nach, ist nicht mal ansatzweise wegzudenken und ist vor allem in den Eliten indoktriniert. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man sich die treffenden Worte von Günter Maschke in Erinnerung ruft: »Da man Hitler nicht erklärt, kann er nicht sterben, – er darf ja nicht sterben. Nebenbei kann man die deutsche Geschichte in ein Verbrecheralbum, betitelt ›Von Luther bis Hitler‹, umwandeln. Und so wirkt diese Literatur, deren Vertreter dauernd fordern, daß noch mehr bewältigt und aufgearbeitet werde, nicht nur staats-, sondern auch volkszerstörend; sie ist ein Beitrag zum psychischen Genozid am deutschen Volk bzw. zum deutschen Autogenozid. […] Selbst nach den Vorstellungen der UNO gibt es einen psychischen Genozid, indem man etwa einem Volke seine Kultur, sein Gedächtnis raubt (und durch ein anderes ersetzt). Wenn Angehörige eines Volkes selbst diese Zerstörung betreiben, ist die Zeit für klare Feinderklärungen innerhalb dieses Volkes da«.[7]Maschke benennt es eindeutig: Das Volk hat ein Recht auf ein Bestehen, es hat das die Pflicht sich gegen diejenigen zu wehren, die die kollektive psychische Gesundheit angreifen. Daher bedarf es einer längerfristigen Historisierung des Geschehens!

Doch in den Kommentaren der etablierten Presse ist davon kein Wort zu finden. Und mit einem merkwürdigen Lächeln betont die Journalistin: „Auschwitz ist nun mal passiert![…] Dieser Teil unser Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann.“So wird das Denken über die Vergangenheit zum Ritual immer gleicher Rufe der Mahnung. Doch ein Vergessen ist absurd, hier ist der Kommentatorin zuzustimmen. Sie sollte jedoch selber die Frage stellen, inwiefern eine ernsthafte Leugnung oder Tilgung aus dem Gedächtnis in heutiger Zeit auch nur denkbar ist. Nicht umsonst stellte schon 1992 der Religionswissenschaftler Jan Assmann die These auf, dass „in 1000 Jahren der Holocaust ein absolutes zentrales Element der Erinnerung ist.“[8] Von Vergessen kann also keine Rede sein, eher entsteht eine globalisierte Schuld, die sich primär im Westen generiert und das politische Handeln determiniert.[9]

Auffallend ist auch die betonte Benutzung des Wortes Identität. So schämt sich Anja Reschke, weil die NS-Vergangenheit zu ihrer „Identität als Deutscher“ gehöre und dies nicht zu ändern sei.[10] Ist dies nur der konstruktivistisch angehauchte Reflex das Eigene irgendwie sprachlich zum Fremden abgrenzen zu können? Oder wird hier bewusst der Kampf um die Deutung von Begriffen betrieben. Aus unserer Sicht sollte dies als Duellangebot verstanden werden. Es ist gut, dass von „deutscher Identität“ öffentlich gesprochen wird, da somit die Debatte über den Inhalt ebendieser in Schwung kommt. Wo man hinschaut dreht es sich um unsere Themen. Wir müssen jetzt dagegenhalten! Aber dabei unsere Sicht dabei als einen konstruktiven und verständnisvollen Austausch sehen.

Neben der generell festgestellten schwierigen Auseinandersetzung um den richtigen Umgang mit der deutschen Geschichte, sollte dagegen jederzeit betont werden, dass die Ausnutzung der Ereignisse sich für anständige Menschen verbietet. Eben dieser Anstand erscheint indes bei der Behandlung des Themas äußerst fraglich. Die Facebook Seite der Identitären Bewegung kommentierte jüngst durchaus prägnant, wie sich die aktuelle Situation darstellt:

„Nicht die Umstände unserer Vergangenheit oder deren Eingeständnis an sich machen es schwierig, sondern die moralische Aufladung, der komplexbehaftete aufgezwungene Tunnelblick – die fremdbestimmte Wahrnehmung des Ganzen. Kurzum, das Thema ist ein ideologisch-moralisches Minenfeld, in das sich kein Deutscher herein traut, wenn er denn nicht selbsterklärt links und oder „anti“-faschistisch ist.“

Dies gilt es auch in naher Zukunft zu beachten. Die Historisierung braucht Zeit und Gefühl für die Brisanz. Erste Ansätze sind durch Ernst Nolte[11] und Stefan Scheil bereits erfolgt. Zudem ist davon auszugehen, dass es eine Vielzahl an Historikern gibt, die an einer Normalisierung des wissenschaftlichen Forschens interessiert ist, also einer offenen Historisierung und Deutung von Fakten arbeiten will!

 

[1] Joachim Gauck: Holocaust Gedenken, in: Die Welt, vom 28. Januar 2015, S. 4.

[2] Anja Reschke: Kommentar zum Gedenken an Auschwitz, http://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/Kommentar-zum-Gedenken-an-Auschwitz/Das-Erste/Video?documentId=26131620&bcastId=3914, zuletzt abgerufen am 28.01.14.

[3] Frank Lisson: Homo Viator, Schnellroda 2013, S. 122.

[4]Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 1, S. 209-287. Auch im Netz abrufbar: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Unzeitgem%C3%A4%C3%9Fe+Betrachtungen/2.+Vom+Nutzen+und+Nachteil+der+Historie+f%C3%BCr+das+Leben, zuletzt abgerufen am: 28.01.15.

[6] Dieses Vorgehen ist nicht neu, aber weiterhin sehr aktuell. Lesenswert hierzu auch das Buch des Juden Norman Finkelstein: Antisemitismus als politische Waffe, Piper 2006.

[7] Günter Maschke: Die Verschwörung der Flakhelfer, in: ders.: Das bewaffnete Wort, Wien/Leipzig 1997.

[8] Zitiert nach: Institut für Staatspolitik: Meine Ehre heißt Reue – der Schuldstolz der Deutschen, in: Wissenschaftliche Reihe – Heft 11, S. 6.

[9] Frank Lisson: Die Verachtung des Eigenen, Schnellroda 2012.

[10] Wer sich schämt, der hat laut Wikipedia „durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder Normen nicht entsprochen“. Es impliziert, dass solch eine Scham nur dann zu begründen ist, wenn der oder die Einzelne (Frau Reschke) dem Ganzen (das deutsche Volk) angehörig ist. Mit dieser Aussage wird eindeutig festgestellt, dass die Deutschen etwas eigenständiges und mithin frei von Gleichheitsperversionen ist.

[11] Mit dem kausalen Nexus als Erklärungsansatz für die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs werden uns bald in einem neuen Artikel beschäftigen.