LektürschnipselVorbemerkung: Beginnend mit diesem Artikel wollen wir eine Reihe starten. Dabei sollen wichtige Eindrücke aus unserer Lektüre themenorientiert wiedergegeben werden, damit Bilder entstehen, die die von Kontrakultur wahrgenommenen Entwicklungen unterstützen. Dabei schreiben wir keine richtigen Fachartikel, sondern stellen Sentenzen und Zitate, die sich Aphorismen ähneln, zu einem Thema zusammen. Quellen dessen sind sowohl tagesaktuelle Betrachtungen der etablierten wie non-konformen Presse als auch Fachaufsätze sowie bedeutende Werke der Ideengeschichte. Eben alles was einem im Laufe des textlichen Studierens in die Finger kommt. Der Leser soll dabei keine klaren Analysen oder Prognosen erwarten. Ziel ist es eher den Hunger auf mehr zu entfachen. Frei nach dem Motto: Wer sich vergegenwärtigt, wie stark der Status Quo in Bewegung gerät, hat auch mehr Mut das eigene Bewusstsein zu schärfen.

Im ersten Teil der Reihe werden Anzeichen für eine sich multipolar entwickelnde Welt vorgestellt. Aus unterschiedlicher Quelle können wir sehen, dass die Hegemonie der USA und damit des Westens sich zurückzieht und andere Zentren an Bedeutung gewinnen. Erstes Beispiel dafür ist der recht bekannte ehemalige US-Außenminister der USA Henry Kissinger. In einem Interview mit dem Spiegel, wo dessen neues Buch Weltordnung beworben wird, äußert er sich zur derzeitigen Lage wie folgt: „[…] es gibt keine Regeln mehr, die allgemein akzeptiert werden, sondern lediglich die Sicht Chinas, der islamischen Welt, des Westens, der Russen. Und diese Konzepte sind nicht kompatibel.“[1]

Diese Aufteilung der Welt wurde von anderen Analysten schon länger erwartet und skizziert. Zunächst ist dazu an den bei bundesrepublikanischen Lehrstühlen geisteswissenschaftlicher Fächer ungern gelesenen Carl Schmitt zu denken, der in seinem Buch Nomos der Erde eine globale Ordnung beschrieb, die verschieden Zonen darstellte und in denen raumfremde Mächte kein Interventionsrecht besitzen sollten. Den Ursprung dieser Entwicklung können wir mit Schmitt in der Wiege einer sog. „westlichen Hemisphäre“ sehen, wo der Auserwähltseinsgedanke US-amerikanischer Prägung den Frieden nachhaltig sprengt: „Der Anspruch Amerikas, das wahre Europa, der Hort von Recht und Freiheit zu sein, war demnach ein geschichtlicher Faktor von größter Wirkung. Er entsprach starken europäischen Tendenzen und war eine reale politische Energie oder, moderner formuliert, ein Kriegspotential ersten Ranges.“[2]

Ohne das Buch allgemein vorzustellen und inhaltlich weiter einzuordnen, leuchtet sein Ende heute auf. Etwa, wenn er folgert, „daß neue Freundschaftslinien geschichtlich fällig sind. Aber es wäre nicht gut, wenn sie nur durch neue Kriminalisierungen zustande kämen.“[3] Ebenjene Moralisierung in Gut und Böse erleben wir seit Ende des Kalten Krieges spätestens mit dem Kosovo-Krieg in heftiger Form. Einzelne Fallbeschreibungen sind zu viel an dieser Stelle. Stellvertretend für die gängige Praxis kann der Politikwissenschaftler August Pradetto zitiert werden: „Die Narrative über die Gewalt in den Auseinandersetzungen im Nahen Osten unterliegen ganz anderen Mustern und Parametern. Die Protagonisten dieser Erzählungen werden dichotomisiert. In diesen Erzählungen üben Regierungen ‚Gewaltexzesse‘ aus und ‚schlachten ihre Völker‘ ab. Die gegen die autokratischen Regime auf-tretenden Gewaltgruppen werden in der veröffentlichten Meinung […] vielfach als ‚perspektivlose Jugendliche‘, ‚marginalisierte Bevölkerungsteile‘, ‚Demokratiebewegung‘ u.ä. charakterisiert.“[4]

Zur Verstetigung einer russischen Außenpolitik, die mit Einfluss gegenüber westlicher (Un-) Ordnungspolitik auftritt, empfiehlt sich von Zeit zu Zeit die Lektüre der linken Tageszeitung Junge Welt. In der Wochenendausgabe berichten Karin Leukefeld über Syrien und Reinhard Lauterbach über die Ukraine. Erstere zeigt auf, dass entgegen der NATO Destabilisierung u.U. eine Perspektive entsteht: „In Moskau ist es derweil zu ersten Gesprächen zwischen dem russischen Außenministerium und syrischen Oppositionellen gekommen, die zu einem Dialog mit der syrischen Regierung bereit sind. […] Initiatoren des neuen Dialogplanes sind die Außenministerien Russlands und Ägyptens, unter Beteiligung des Büros von Sondervermittler De Mistura.“[5]

Lauterbach berichtet dagegen in zwei Artikeln von der Rolle Putins für den brüchigen Waffenstillstand (Minsker Abkommen) sowie der ukrainischen Situation im Kontext nationalistischer Gruppen heute: (1) „Objektiv hat Putin […] den Kiewer Machthabern das Überleben gesichert. Ihre Armee war damals nach mehreren katastrophalen Niederlagen der Auflösung nahe, der Durchmarsch der Aufständischen […] schien im Bereich des Möglichen zu liegen.“[6] (2) „Das ganze Dilemma der Kiewer Machthaber mit den Freiwilligenbataillonen beschrieb Staatsanwalt auf seiner Facebook-Seite: ‚Solange sie im Osten kämpfen, sind sie Helden. Aber wenn sie unsere Städte zurückkommen, sind sie eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit‘.“[7] Vertreter, die in der Ukraine einen antirussischen und antiwestlichen Befreiungsnationalismus am Werke sehen, müssen dazu noch erklären, wie das eine und das andere in einen sinnvollen Freiheitskampf passen.

Zum Hintergrund der ukrainischen Verhältnisse ist der Artikel Die Clans der Ukraine von Klaus Müller aussagekräftig. Darin werden oligarchische Zustände beschrieben, die durch starken Opportunismus sowie Einfluss in alle politische Lager ihren eigenen Staat bauen. Der jetzige Präsident Poroschenko etwa „war Gründungsmitglieder der [damals russlandfreundlichen; d. V.] Partei der Regionen und 2001 deren Stellvertreter. […] In der westlichen Wahrnehmung werden diese Details der innerukrainischen Machtspiele durch die Rhetorik eines neuen Kalten Krieges zugedeckt.“[8] Eine Demokratie – konstatiert der Artikel insgesamt – sei nicht entstanden.

Ebenfalls mit Interesse im Kontext einer multipolaren Ordnung ist die Entwicklung Ungarns zu beobachten. Präsident Viktor Orban schreibt in der FAZ: „Ich bin der gleichen Ansicht wie Altkanzler Kohl, dass die wichtigsten Werte Europas die Nationen sind, zumal die vielfältigen Nationen. In Europa sind die Nationen Realität, die Vereinigten Staaten von Europa Utopie. […] Tausend Jahre alte nationale Wurzeln sind nämlich vorhanden, die zu zerreißen würde dem Selbstmord gleichkommen. […] Es ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, falls wir Europa ohne nationale Besonderheiten bilden wollen. Niemand hat das Recht, von den Völkern zu verlangen, dass sie auf ihre Identitäten verzichten.“[9] Zu klären ist natürlich, ob hier nur ein wahltaktisches Zugeständnis an die traditionalistische Partei Jobbik gemacht wird oder ob Orban selber aus dem globalistischen Denken vieler europäischer Eliten ausschert und vielleicht auf Russland und ein anderen Europakonzept zusteuert.

Der nächste Teil wird sich ebenfalls mit der multipolaren Entwicklung der Welt auseinandersetzen und dabei verstärkt einen Blick auf China und Südamerika werfen.

 

[1]Henry Kissinger, in: Der Spiegel Nr. 46, 2014, S. 95.

[2]Carl Schmitt: Der Nomos der Erde, S. 266.

[3]Ebenda, S. 299.

[4]August Pradetto: Normen, Interessen, Projektionen: Deutschland und die militärische Intervention in Libyen 2011, in: Gerhard Beestermöller (Hrsg.). Libyen: Missbrauch der ResponsibilitytoProtect?, S. 97f.

[5]Karin Leukefeld: Angriff auf Aleppo, in: Junge Welt, Nr. 265, 2014, S. 6.

[6]Reinhard Lauterbach: Feindbildpflege, in: ebenda, S. 8.

[7]Lauterbach: Der Widerspenstigen Zähmung, in: ebenda, S. 7.

[8]Klaus Müller: Die Clans der Ukraine, in: Le Monde diplomatique, Oktober 2014, S. 8f.

[9]Viktor Orban: Keine Hurra-Europäer, in: FAZ vom 13.11.14, S. 10.