10635875_1001992783163750_9207119538804173200_nDer Markt für kulturkritische Zeitdiagnosen scheint zu boomen. Man gewinnt den Eindruck als ob die Anzahl an Büchern, Essays und Kommentaren, die von einem generellen Kultur- und Sittenverfall schreiben stetig zunimmt. Von der Generation „Y“ die sich jeglicher gesellschaftlicher Konvention für berufliche Vorteile anpasst. Bis hin zum Kontrollverlust des Menschen über das Wesen der Technik, deren Automatisierungsprozesse die Entfremdung vorantreiben. Man kann diese Konjunktur des Kulturpessimismus sicherlich begrüßen und auf einen umfangreichen Diskurs über Auswege des Nihilismus hoffen, der allmählich auch das intellektuelle Establishment erreicht. Allerdings ist es hierfür auch unabdingbar einen festen Halt zu gewinnen und eine Ursprungsgrundlage, an der sich diese Kulturkritik im Hinblick auf die Ursachen des nihilistischen Verfalls abarbeiten kann. Oftmals werden lediglich die Symptome der Postmoderne beklagt ohne einen geschichtlichen/philosophischen und sozialen Kontext zu berücksichtigen auf dem die Lehre des „totalen“ Individualismus aufbaut.

Wie wir bereits an anderer Stelle auf diesem Blog ausgeführt haben, ist der Beginn dieses Projekts der Moderne, die französische Revolution und mit ihr die Denkschule der Aufklärung. Peter Sloterdijk ist wahrscheinlich einer der wenigen zeitgenössischen Buchautoren des Establishments, der sich in seinem neuen Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ an das Ursprungsproblem der Moderne herangewagt hat.

Mit der Aufklärungsphilosophie begann ein Experiment dessen Tragweite heute als weitgehend positiv aufgefasst wird, ohne dabei den ambivalenten Gegenpart einer zunehmenden Fragmentierung des Seins zu berücksichtigen. Alle positiven Errungenschaften unseres Zeitalters werden in direkten Bezug zu den Ideen der Aufklärung gesehen. Das vernunftbegabte Individuum, rationale Entscheidungsfindung, Individualisierung des gesellschaftlichen Lebens sowie der generellen Verwirklichung eigener Bedürfnisse aus sich selbst heraus. Man kann die Befreiung aus der Unmündigkeit des Menschen unzweifelhaft als eine der positiven Errungenschaften der Aufklärung betrachten.

Allerdings müssen diese Merkmale die durch die Aufklärung ins Werk gesetzt wurden, als der Beginn einer Absolutsetzung des Individuums betrachtet werden, welches sein Handeln lediglich nach „vernünftigen“ Mustern ausrichtet. Die Vernunft als das rationale Steckenpferd der Aufklärung bewirkt jedoch auch die zunehmende Verzerrung der Identität hin zu einem individualistisch und universalistischen Horizont. Die Vernunft wurde relativ schnell ihrer eigenen Begriffsbedeutung beraubt und zu einem revolutionären und moralischen Kampfbegriff, der sich gerade im Rahmen der französischen Revolution unter der Jakobinerherrschaft zu Eigen gemacht wurde, die daraus die „Herrschaft der Tugend“ etablierten und massenweise Leute hingerichteten, die sich dem vermeintlichen Vernunftglauben nicht anschließen wollten.

Der Wille des Einzelnen und seine Vernunft stellen das Maß aller Dinge dar und sind diesen untergeordnet. Der Einzelne ist demnach Ursprung, Zweck und Ziel seiner selbst. Die Werte, Normen und kulturellen Verbindungsstücke sind nicht mehr Gegenstand einer holistischen Ordnung die den Menschen in einen organischen Kontext einbindet und die Seinsorientierung ermöglicht, sondern werden zu isolierten Elementen, die vielmehr der Emanzipierung des Menschen im Wege stehen. Alle Wahrheit ist nach dieser Lehre stets vernunftbasiert und entfaltet sich im ewigen Gesetzt des „Fortschritts“. Um es kurz mit Sloterdijk zu beschreiben; die modernen Menschen werden zu „Kindern ihrer Zeit“ deren genealogischen Verbindungslinien zu den hergebrachten Traditionsfäden immer weiter reißen, womit gesellschaftliche Bruchstellen entstehen, die den Zusammenhalt stetig gefährden.

Dieser aufklärerische Trugschluss, dass das Individuum ohne die gemeinschaftlichen Vermittlungssysteme von Kultur, Tradition, Wertesystem, Geschichte oder Transzendenz in der Welt steht, ist das eigentliche Grundübel aus dem heraus sich heute auch eine fundamentale Kulturkritik ableiten muss.

Die Nachwirkungen der Aufklärung lassen sich bis zu den bereits untergegangen totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts ausweiten. Durch die Verzerrung der Identität, die nur noch auf das nackte Individuum abgelegt wurde, versuchten sowohl Kommunismus als auch Faschismus mit der „Klasse“ und der „Rasse“ wieder identitäre Strukturen ins Werk zu setzen, die jedoch auch nichts weiter als eine universalistische Verzerrung der eigentlichen, gesunden und natürlichen identitären Kontextgemeinschaften gewesen ist. Mit der Aufklärung ist jeder transzendente Bezug zum Sein, jede soziale Bindung an die Kontextgemeinschaft und jede traditionelle Fortschreibung der Geschichte mit kulturellen Anknüpfungspunkten entmystifiziert und entwurzelt worden. Unter einer säkularen Prämisse das kirchliche Dogma zu brechen, hat die Aufklärung neue Dogmen konstruiert, die das ohnehin schon anthropozentrische Verständnis der Kirche noch weiter pervertieren und den Menschen nun nicht sogar nur von seiner Natur trennten, sondern auch von seinem transzendenten Bezugsrahmen, der zuvor ein fundamentales Strukturelement des Seins darstellte.

Diese Entstrukturierung ist es, die auch die heutigen kulturellen Deformationen des Zeitgeistes widerspiegelt. Seinsvergessen produziert die Moderne immer neue Größen, die den Menschen weiter nach vorne treiben und sich aus sich selbst, immer wieder aus dem „Nichts“ heraus neu erzeugt, ohne eine traditionelle Verbindungslinie zu den eigentlichen sozialen Bindungselementen der Gemeinschaft.

Das Sein unterliegt immer mehr dekonstruktivistischen Prozessen die permanent zerstreut werden und sich meist in einer universalistischen Form des Individualismus, Biologismus oder des Kommunismus wiederfinden. Identität wird in einzelne kleine Stücke fragmentiert die vom ganzheitlichen Rahmen der sozialen Gemeinschaften und ihren organischen Eigengesetzlichkeiten einer holistischen Ordnung isoliert wurde und für allerlei politisch/ideologisches Gesellschaftsexperimente verfügbar geworden ist. Sofern man das identitäre Wesen des Menschen in viele einzelne Teile zerstreut, ist dieser auch anfälliger für jeglichen ideologischen Totalitarismus.

Somit wird auch die Identitätsfrage aus dem Raum der sozialen Gemeinschaften (Familie, Stamm, Sippe, Dorf etc.) genommen und in eine ideologische Form gegossen in der zumeist der staatlich/institutionelle Rahmen die Identitätsstiftung übernimmt. Dieser ist jedoch gänzlich ungeeignet für diese Identitätsausbildung, da Identität immer nur organisch an der Wurzel wachsen und nicht von einer staatlichen Obrigkeit aufoktroyiert werden kann. Warum der Staat oder die Nation keine identitätsvermittelnden Institutionen sind, werden wir an anderer Stelle noch ausführlich behandeln.

Aufgabe einer identitären Kritik muss es daher sein ein gesundes und organisches Identitätsverständnis wiederzufinden. Wir müssen die Strukturen des Sozialen wieder in eine holistische Ordnung bringen, in der der Mensch als Teil des Ganzen in stetiger Wechselbeziehung zu den identitätsvermittelnden Institutionen gesehen wird. Unsere Kulturkritik muss die systemischen Prozesse hinter der Ideologie des Liberalismus erkennen und darf sich weder in punktueller Symptombehandlung noch in absurden Verschwörungstheorien erschöpfen. Unsere politische Aufgabe ist es daher vor allem eine „Gegenaufklärung“ zu etablieren, die alternative Konzepte zur aufklärerischen Denkschule beinhaltet.